Zeitenwende in den USA?

„Populismus und Demagogie haben gewonnen.“, sagt Najem Wali im Interview mit Radio Bremen. „Als ob das Volk seinen Peiniger selbst wählt.“

Das ist aber nicht neu in den USA. Das war bei Bush junior genauso, nachdem er mit Lügen einen Krieg gegen den Irak begonnen hat. Trump im Weißen Haus, das ist noch mehr Grund für mich, schöne Literatur zu schreiben. Das ist die einzige Form wie man als Mensch, der nur den Stift als Waffe hat, darauf reagieren kann. Was kann man sonst machen, außer Artikel schreiben, sich mehr engagieren und neue Kontakte zu suchen? Man darf nicht aufgeben, die liberalen Kräfte müssen sich neu formieren und eine Front gegen diesen populistischen Aufmarsch bilden. Vielleicht ist diese Wahl auch ein Weckruf. Es ist die Zeit gekommen für alle, die liberal denken, die für eine offene Welt eintreten, sich neu zu formieren. In den 80ern gab es eine starke Friedensbewegung, vielleicht ist jetzt wieder die Zeit für eine neue, starke Friedensbewegung.

„Bedeutet die Wahl von Donald Trump auch eine Zeitenwende für die Welt, für die Menschenrechte und die Demokratie?“, fragt Inken Steen in der Sendereihe Buchpiloten Najem Wali. Das ganze Interview hören Sie HIER

Selbsternannte Herrscher über Leben und Tod

Was geht in den Köpfen von Terroristen vor? Damit beschäftigt sich Najem Wali in seinem neuen Buch „Im Kopf des Terrors. Vom Töten mit und ohne Gott“.

Najem Wali im Gespräch mit Sigrid Brinkmann
Deutschlandradio Kultur, 1. September 2016

Terroristen, die mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge fahren, Bombenleger und Selbstmordattentäter gehören mittlerweile zu unseren Schreckensbildern. Doch was geht in den Köpfen der Täter vor, was macht sie zu selbsternannten Herrschern über Leben und Tod? Sein Buch beginnt mit einem schockierenden  Ereignis: Vor knapp drei Jahren sprengten sich in Bagdad vier deutsche Selbstmordattentäter in die Luft. Für den Autor war das eine Art Initialzündung für das Nachdenken und Schreiben, so erzählt er im Deutschlandradio Kultur:  „Für mich war dieses Phänomen wirklich eine Herausforderung. Ich wollte wissen, warum diese Jugendlichen das tun.“ 

Das ganze Interview hören Sie HIER:

„Für die Mädchen an der Uni war ich Omar Sharif“

Als junger Mann floh der Schriftsteller Najem Wali aus dem Irak. Das gelang ihm nur durch eine List.

Ein Interview von Ijoma Mangold

ZEITmagazin: Herr Wali, Sie sind 1980 aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Wie haben Sie sich als Ausländer hier gefühlt?
Najem Wali: Natürlich gab es am Anfang Pöbeleien und Ablehnung auf der Straße. Aber damals war das alles nicht so zugespitzt wie heute. Und für die Mädchen an der Uni war ich Omar Sharif. Heute assoziiert man mit einem Araber das Bild von Bin Laden.
ZEITmagazin: Warum haben Sie den Irak verlassen?

„Mir war klar, dass ich null bin und bei null anfangen muss“

Viele Flüchtlinge kommen mit zu hohen Erwartungen nach Deutschland, sagt Exilschriftsteller Najem Wali. Doch auch die Deutschen müssten sich um ein Miteinander bemühen.

von Markus Bickel
ZEITonline, 23. Februar 2016

Integration ist wie Kindererziehung: ein Haufen Mühe, unendlich Geduld und keine schnellen Erfolge. Das sagt Najem Wali, der aus eigener Erfahrung weiß, wie mangelnde Sprachkenntnisse und Ausschluss vom Arbeitsmarkt Neuankömmlinge rasch zu Außenseitern abstempeln können.

Mehr als ein halbes Leben ist es her, dass der irakische Exilschriftsteller dem Krieg entkam – damals dem seines Geburtslandes gegen den Iran. 24 Jahre jung war Wali, als er im November 1980 in Deutschland eintraf, getürmt über die Grenze zur Türkei, so wie Hunderttausende heute.

Dreieinhalb Jahrzehnte später schaut er sich deshalb jedes Mal selbst ins Gesicht, wenn er in den Straßen Berlins auf junge Männer trifft, die vor den Kämpfen im Irak und Syrien geflohen sind.

„Deutschland muss sich viel mehr einsetzen“

Die DW traf Najem Wali beim Literaturfest München, wo er darüber sprach, wie Europa auf die Gefahr durch den ‚Islamischen Staat‘ reagieren soll.

DW: Der sogenannte ‚Islamische Staat‘ trägt Demagogie, Chaos und Mord inzwischen auch nach Europa. Wo hat der europäische Dschihadismus seine Wurzeln?
Najem Wali: Der ‚Islamische Staat‘ entstand anfänglich mit Finanzierung durch Saudi-Arabien und Katar, er hat seinen Kampf mit westlichen Waffen begonnen. Inzwischen ist er ein Staat mit eigenen Einkommensquellen, der in den von ihm beherrschten Gebieten Steuern erhebt. Die Dschihadisten verfügen über Bodenschätze, sie schmuggeln Öl über die Türkei nach Europa. Daneben haben sie immer noch einige Sponsoren in den Golfstaaten. Man schätzt, dass 28 Prozent des IS-Geldes von dort kommen.

Wenn wir von den Akteuren sprechen: Das sind Kids aus Europa, Desperados, die von außen instrumentalisiert und finanziert werden. Der Dschihadismus in Europa wird getragen von Jungs, die hier geboren sind, die sich marginalisiert und nicht anerkannt fühlen. Sie werden instrumentalisiert und ausgenutzt von einer Fanatikerideologie, die aus Saudi-Arabien kommt. Auch hier in Deutschland sollten wir uns zum Beispiel fragen, was aus den Kids geworden ist, die in den 90er Jahren in der saudischen Schule in Bonn ausgebildet wurden.

Saudi-Arabien bekämpft den Islamischen Staat inzwischen …
Jetzt. Und Saudi Arabien sagt auch, wer angeblich jetzt moderat sei: zum Beispiel die Al-Nusra-Front. Aber die Kämpfer der Al-Nusra-Front sind genau solche Mörder wie die des IS, die Front ist ein Ableger von Al-Qaida. Jetzt sagt man schon, Al-Qaida sei im Vergleich zum IS auch moderat. Das ist alles Schwachsinn. Ich persönlich möchte mir nicht von Saudi-Arabien diktieren lassen, wer gemäßigt und wer fanatisch ist. Fanatisch ist die Ideologie des Wahabismus. Das Phänomen des europäischen Dschihadismus ist deshalb so gefährlich geworden, weil die Politik so lange inaktiv war. Die Gefahr des Radikalismus wurde außer Acht gelassen und verharmlost, so lange der Terror außerhalb der Grenzen Europas stattgefunden hat.

Najem Wali bei ARD-alpha

In seinem jüngsten Roman „Bagdad: Erinnerungen an eine Weltstadt“ (2015) lässt Najem Wali noch einmal „sein Bagdad“ Revue passieren.
„Ich erzähle ein Schicksal, ich erzähle die Geschichte eines Menschen und wie er gelebt hat. Ich beschreibe das, was mich dabei interessiert. Welche Schlüsse dann daraus gezogen werden, überlasse ich dem Leser. Wenn man Geschichten erzählt, die von Flucht, Gefängnis oder Krieg handeln, dann kommt im Hintergrund natürlich immer die Politik mit in die Geschichte hinein. Man kann nicht so tun, als wäre sie nicht da, denn wenn es z. B. einen Krieg gibt, dann muss es einen politischen Grund dafür geben; wenn es eine Massenflucht gibt, dann muss es dafür im Hintergrund auch politische Gründe geben.“

„Wir haben einen langen Kampf vor uns“

Die DW traf Najem Wali beim Literaturfest München, wo er über die Verantwortung Intellektueller in Terrorzeiten und seine Liebe zu Bagdad sprach.

DW: Waren die Pariser Anschläge ein Angriff auf unsere europäischen, auf westliche Werte?
Najem Wali: Nein, das waren Terrorakte gegen die Menschheit, gegen allgemein menschliche Werte.

Wie können gemäßigte Kräfte im arabischen Raum mit Zukunftsvorstellungen, die nichts mit Kämpfen zu tun haben, gestärkt werden?
Das ist Aufgabe der Intellektuellen in der arabischen Region. Wir haben eine aufklärerische Aufgabe. Und diese aufklärerische Aufgabe müssen wir leisten. Es ist allerdings schwierig, in den Medien der arabischen Welt etwas zu veröffentlichen, denn diese Medien sind von den Petro-Dollar kontrolliert. Ich kann bis auf vielleicht ein, zwei Ausnahmen in keiner arabischen Zeitung Saudi-Arabien oder Katar kritisieren. Alle Fernsehkanäle und alle Zeitungen sind in den Händen dieser beiden Ländern. Aber ich gebe nicht auf – ich publiziere im Internet, und es wird gelesen, viele junge Leute teilen das Interesse an einer Entwicklung. Wir haben einen langen Kampf vor uns.

Was ist von den Zielen, für die die jungen Generation vor vier Jahren auf die Straße ging, noch übrig geblieben? 

Europäische Literaturtage 2015

Im Rahmen der Europäischen Literaturtage im österreichischen Spitz an der Donau spricht Najem Wali mit dem Journalisten Igor Bratož. Das Interview ist in der slowenischen Tageszeitung DELO erschienen.

Najem Wali: Iz eksila vidiš več kot iz Bagdadaw

Iraški pisatelj, avtor kultnega romana Bagdad Marlboro, o eksploziji ustvarjanja v Iraku.
Igor Bratož, delo kultura, 04.11.2015

Spitz 24 Oktober 2015 Igor Bratoz 3

Med udeleženci letošnjih Evropskih dnevov literature v Spitzu na Donavi je bil tudi iraški­ pisatelj Najem Wali. Begunec, ki v gladki nemščini na pamet deklamira Schillerja, je pred tremi desetletji prišel v Nemčijo s tristo dolarji in tremi knjigami.

Das ganze Interview ist nachzulesen HIER:

Der zweigeteilte Schriftsteller

„Ein Wort oder ein Satz muss duften wie frisches Brot“, sagte der deutsch-irakische Schriftsteller Najem Wali im Deutschlandfunk.

Von Sigrid Brinkmann
Deutschlandfunk, 23. Oktober 2015

Der deutsch-irakische Schriftsteller Najem Wali am Landwehr-Kanal in Berlin. (imago/stock&people) 

Najem Wali am Landwehr-Kanal in Berlin. (imago/stock&people)

Zweigeteilt fühlt sich der Schriftsteller: Ein Najem lebt in Berlin, der andere bleibt auf immer in Bagdad und wird nicht müde, von der Stadt seiner ersten unbändigen Sehnsucht zu erzählen. „Kolumbus entdeckte Amerika, ich Bagdad“ notiert der in Amâra, im Süden des Landes geborene Autor und nimmt den Leser von der ersten Seite an mit auf eine fantastische, lehrreiche und bisweilen melancholisch stimmende Entdeckungsreise – getragen von diesem einen Gefühl, dass Najem Wali klar benennt.

„Meine Liebe zu Bagdad hat mich veranlasst, dieses Buch zu schreiben, um den Menschen zu zeigen, wie schön diese Stadt war – die Stadt der Bücher, die Stadt der schönen Frauen mit Miniröcken, wer könnte das glauben? Selbst die jungen Leute im Irak, meine Neffen, wenn sie die Fotos sehen, das ist für sie wie Science-Fiction und sie denken, der Onkel hat eine Montage gemacht.“

Zwischen Sachbuch und Künstlerroman
Najem Wali beschwört den verlorenen Geist und das Flair der kosmopolitischen Weltstadt. Das mit vielen privaten Fotografien und alten Postkarten versehene und mit immenser Detailkenntnis geschriebene Werk hat die Qualitäten eines erzählenden Sachbuches, und doch kann man es ebenso gut als autobiographischen Künstlerroman lesen.

#FBM15 Countdown

Najem Wali und die Toleranz der Literatur

IM LAND DER DICHTER UND DENKERPortraitWali
Am 14. Oktober wird der irakische Schriftsteller und Journalist Najem Wali den diesjährigen Weltempfang zum Thema “Grenzen in Zeiten von Flucht und Vertreibung” mit eröffnen. Wali, der 1980 nach Ausbruch des Iran-Irak-Kriegs selbst nach Deutschland floh, erzählt uns im Interview, wie Literatur Brücken schlagen und für mehr Verständnis zwischen den Kulturen sorgen kann.

Der Weltempfang

Willkommen im Zentrum für Politik, Literatur und Übersetzung auf der Frankfurter Buchmesse. Der Weltempfang ist traditionell der Ort für Diskussionen und Gespräche mit internationalen Autoren zu politischen Themen. In diesem Jahr ist er erstmals in Halle 3.1 verortet, Thema ist „Grenzverläufe“.

fbm: Herr Wali, wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal auf der Frankfurter Buchmesse waren, und wie Sie das Erlebnis empfunden haben?

Najem Wali: Ja, das habe ich noch sehr deutlich in Erinnerung. Das war 1985, ich studierte damals Germanistik in Hamburg. Ich war mit einem chilenischen Freund dort, der sich den chilenischen Stand ansehen wollte. Ein älterer Mann am Stand sprach mich auf Spanisch an und glaubte mir einfach nicht, dass ich kein Chilene bin. Er dachte die ganze Zeit, ich wolle ihn auf den Arm nehmen. Erst als ich ihm meinen Ausweis zeigte, sah er seinen Irrtum ein – meinte dann aber, ich müsse unbedingt Spanisch lernen – und zwar chilenisches Spanisch. Dieses Erlebnis habe ich noch sehr lebendig in Erinnerung. Seitdem bin ich oft auf der Frankfurter Buchmesse gewesen. Und seit 2004 mein erstes Buch bei Hanser erschienen ist, war ich fast jedes Jahr da. Die Messe ist für mich eine wichtige Gelegenheit, Kollegen und Freunde aus der ganzen Welt zu treffen.

fbm: Wie kann Literatur dazu beitragen, dass Menschen mehr Toleranz für andere Kulturen und Denkweisen entwickeln? 

Libros, censura y petrodólares

Najem Wali, escritor iraquí, estuvo en la Feria del Libro de San José y explicó las dificultades y las tentaciones de ser un escritor árabe.
POR AARÓN SEQUEIRA / aaron.sequeira@nacion.com

Un iraquí combate con la lengua alemana, que le exige colocar los verbos siempre en el mismo sitio en las oraciones. Acaba de llegar a Europa huyendo de la guerra en la que se bate su país con Irán. Es 1980; el iraquí, de 24 años, tiene la cabeza llena de historias. Muchas de esas historias las recogió en el cuartel durante los dos años que realizó el servicio obligatorio, antes de ser llamado a empuñar las armas, como dice él, de “ser obligado a matar”.

Sin embargo, también marcan sus historias las horas que pasó al lado de su abuela, mientras ella amasaba el pan en Basora, en el sur de Irak. Ella fumaba y contaba historias; fumaba y la ceniza nunca caía sobre el pan. 

Conversatorio sobre literatura y guerra

Batallas perdidas

por Arnulfo Agüero 08/09/2015 12:00 AM
LA PRENSA – El Diario de los Nicaragüenses

Las guerras siguen siendo un tema constante en muchos escritores que han narrado sus novelas en el exilio, sostiene el periodista y escritor iraquí Najem Wali, quien mañana sostendrá un conversatorio sobre literatura y guerra con el editor alemán Lutz Kliche, en el INCH, a las 6:30 p.m.

Wali huyó del gobierno de Saddam Hussein en 1980, para entonces había cumplido el servicio militar. En estos meses inició la guerra Irak e Irán y lo quisieron volver a reclutar. Decidió falsificar documentos militares y escapar hacia Alemania Occidental, país donde realizó su protesta y a la vez sus estudios de Filología. “Los conflictos de la guerra Irak e Irán iniciaron en septiembre de 1980, duraron ocho años y dejaron dos millones de muertos y más de un millón de inválidos”, recuerda el escritor cuestionando la inutilidad de los hechos bélicos. “Esta guerra, agregó, terminó en el mismo punto que había iniciado, no hubo ganadores ni perdedores”. 

Najem Wali: „Ohne Rilke wäre ich heute wohl tot“

NajemMitHut

08.03.2015 | 18:33 | von Anne-Catherine Simon (Die Presse)

Die Presse: Sie kommen aus einer kleinen irakischen Stadt, haben in Bagdad deutsche Literatur studiert und leben seit Langem in Deutschland. Was hat Sie im Irak zur deutschen Literatur gebracht?

Najem Wali: Eine Geschichte war wichtig für mich. Als ich 15 oder 16 Jahre alt war und eine Leseratte, habe ich in der kleinen Buchhandlung unserer Stadt ein Büchlein gesehen und es durchgeblättert. Es waren Gedichte, und sie haben mir so gefallen, dass ich mein ganzes weniges Taschengeld dafür ausgegeben habe. Zu Hause las ich von vorn bis hinten, von hinten nach vorn, und später erst habe ich geschaut, wie der Autor heißt – es waren übersetzte Gedichte von Rainer Maria Rilke. So kam meine Beziehung zur deutschen Literatur! Ich dachte: Diese Gedichte sind so schön, die möchte ich einmal im Original lesen. 

„Diktatoren sind wie Frankenstein. Am Ende bleibt ihr Labor zurück.“

Najem Wali erzählt in seinem Roman «Bagdad Marlboro», was die Kriege im Irak mit den Menschen angerichtet haben. Ein Gespräch über den Patriotismus als Droge, das Erstarken religiöser Gruppen – und das Erzählen als Überlebenshilfe.
Geführt von Ruth Renée Reif
Erschienen in der WOZ – Die Wochenzeitung, Zürich, Nr. 25/2014 vom 19.06.2014

WOZ: Herr Wali, Sie sind vor kurzem von einer Lesereise mit «Bagdad Marlboro», Ihrem neuen Roman, aus Bagdad zurück nach Berlin gekommen. Könnten Sie sich vorstellen, wieder in Ihrer Heimat zu leben? 
Najem Wali: Ob ich für immer zurückkehren möchte, weiss ich nicht. Aber nach dieser Reise würde ich gerne einige Zeit da leben. So viele junge Menschen kannten meine Bücher und jubelten mir zu. Und trotz der Gefahr von Autobomben in den Peripherien Bagdads kamen sie aus ihren Stadtteilen, um an meiner Lesung teilzunehmen und mich zu treffen. Das war sehr berührend.

Die Originalausgabe Ihres Romans «Bagdad Marlboro» erschien in Beirut. Ist sie im Irak erhältlich? 
Mein Roman kann im Irak gelesen werden, auch wenn er Kritik an den Machthabern enthält. Er wird sogar rezensiert. Die Regierungszeitungen kritisieren ihn natürlich und nennen mich einen Verräter. Diese Schreiber gehören zur alten Garde. Sie haben die Uniformen von Saddam Hussein gegen die religiösen Gewänder getauscht. 

Najem Wali: „Was ändert ein Schlag aus der Luft am Boden?“

„Man kann Isis nur bekämpfen, indem man die Menschen wieder für sich gewinnt“, sagt Najem Wali.
Ein Interview von Michael Hesse
Frankfurter Rundschau, 22. Juni 2014

Der Schriftsteller Najem Wali spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die verzweifelte Lage im Irak, die fatale Rolle Saudi-Arabiens und die aus seiner Sicht einzige Lösung: eine breite Koalition.

Herr Wali, im Irak tobt der Aufstand. Handelt es sich um einen sunnitischen Aufstand oder ist es nur die Terrorgruppe Isis, die für Unruhe sorgt?
Das ist gemischt. Es ist eine Aktion der Terrorgruppe Isis, verbunden mit den Alt-Baathisten und Anhängern des früheren Stellvertreters von Saddam Hussein, Isset al-Duri, auf dessen Kopf die Amerikaner 20 Millionen Dollar ausgesetzt haben. Die Ernennung der Gouverneure von Mossul und Tikrit zeigt seine Handschrift, es sind alte Offiziere von Saddam. Es gibt das Bündnis. Das gibt es, weil es eine große Unzufriedenheit der sunnitischen Bevölkerung in allen sunnitischen Städten gibt. Auch wenn sie nicht mit der Isis-Ideologie einverstanden sind, sehen sie doch nicht ein, warum sie gegen sie kämpfen sollen. Weil sie sich von der Regierung im Stich gelassen fühlen. Isis und Baathisten fischen dort, wo es Unzufriedenheit gibt.

Der Sieg des Erzählens

Der in Deutschland lebende irakische Schriftsteller spricht mit Ruth Renée Reif über Patriotismus als Droge und seinen neuen Roman „Bagdad… Malboro. Ein Roman für Bradley Manning“
Der Standard, 31. Mai 2014

STANDARD: Herr Wali, Sie kommen gerade von einer Lesereise mit Ihrem neuen Roman aus Bagdad zurück. Was empfinden Sie, wenn Sie in Ihre Heimat reisen? Können Sie sich vorstellen, wieder dort zu leben?
Najem Wali: Nach dieser Reise würde ich gerne einige Zeit da leben. Ob ich ganz zurückkehren möchte, weiß ich nicht. So viele junge Menschen kannten meine Bücher. Und trotz der Gefahr von Autobomben in den Peripherien Bagdads kamen sie aus ihren Stadtteilen, um an meiner Lesung teilzunehmen und mich zu treffen. Das war sehr berührend.

STANDARD: Die Originalausgabe Ihres Romans erschien in Beirut. Ist sie im Irak erhältlich?
Wali: Mein Roman kann im Irak gelesen werden, auch wenn er Kritik enthält. Er wird sogar rezensiert. Die Regierungszeitungen greifen ihn natürlich an und nennen mich einen Verräter. Das sind die alten Garden. Sie haben die Uniformen von Saddam Hussein gegen die religiösen Gewänder getauscht.

STANDARD: Bereits zu Beginn nennen Sie all die Tugenden, die im Irak verschwunden sind. Haben die jahrzehntelangen Kriege das gesellschaftliche Zusammenleben zerstört?

„Ich lasse mich nicht einschüchtern.“

Ex-Böckler-Stipendiat Najem Wali über seine Erfahrungen in Israel, den Boykott der arabischen Presse und die Rolle der Gewerkschaften im Friedensprozess 

Das Gespräch führte FRANK ZIRPINS, Journalist in Köln.

Herr Wali, wie sind Sie als Schriftsteller mit irakischen Wurzeln auf die Idee gekommen, in das Land zu reisen, das in der ganzen arabisch-islamischen Welt das Böse verkörpert – nach Israel?
Ich war schon als Kind neugierig, was das für ein Land ist, das man als Feind bezeichnet. Nachdem ich den deutschen Pass bekommen hatte, habe ich bei jeder Gelegenheit versucht, dorthin zu fahren. Vor rund 15 Jahren gründete sich bei der Hans-Böckler-Stiftung eine Gruppe, die Austauschbesuche mit Israel organisierte. Aber die Teilnehmerzahl war begrenzt. Im Oktober 2006 lud mich Amatzia Baram, Historiker an der Universität Haifa, zur Konferenz „Quo vadis, Irak?“ ein. Da habe ich mir gedacht, jetzt kommt der Moment. Ich habe meinen Verlag angerufen und denen erzählt: „Ich habe eine Einladung für eine Woche, aber das ist zu wenig, ich werde versuchen, auf eigene Kosten sechs Wochen durch das Land zu reisen. Es ist ein Abenteuer, aber vielleicht kommt ein Buch dabei heraus.“ Mein Verleger hat gesagt: „Bist du verrückt?“ „Ja“, habe ich gesagt, und er sagte: „Mach das.“

Wie hat denn Ihr Umfeld reagiert, Ihre Familie, die im Irak lebt?

„Gegenwart ist Routine, die vor unseren Augen abläuft.“

von Wolfgang Kühn – 31. Jan. 2012
in der nö. Internetzeitung magzin.at

Der 1980 nach Deutschland geflohene irakische Schriftsteller Najem Wali ist neuer Ateliergast des Literaturhaus NÖ in Krems. Sein Roman “Reise nach Tell al-Lahm” wurde trotz Verbots zu einem Bestseller der arabischen Jugend – mit dem brisanten Thema Sex und junge Frauen im Irak. Wolfgang Kühn sprach mit ihm über seine Bücher und sein Heimatland.

Bagdad - Bild

Der 1956 im südirakischen Basra geborene Schriftsteller Najem Wali, der 1980 aus dem Irak nach Deutschland floh, ist zur Zeit Ateliergast des Literaturhaus NÖ (UNLNÖ) in Krems. Für ihn ein willkommener Ort, um Zeit und Ruhe zu finden, ideal, um an seinem neuen Roman zu feilen, der im Frühjahr 2013 bei Hanser unter dem Titel „Bagdad Marlboro” auf Deutsch erscheinen soll.

Krems, diese Liebe zum Wein
Auch die Umgebung von Krems hat es ihm angetan. Aus seinem Fenster blickend haben ihn die Lichter von Stift Göttweig neugierig gemacht und auf den Berg gelockt, auch Stift Melk hat ihn fasziniert. Najem Wali hat herausgefunden, dass ein alter marokkanischer „Literaturgenosse“ namens Muhammad al-Idrisi (1099 – 1165), seines Zeichens Verfasser eines der wenigen interessanten Reisetagebücher der Welt, Krems interessanter fand als Wien. Vor allem die Menschen und die Architektur haben ihn beeindruckt, dem kann sich Najem Wali nur anschließen, Architektur und die Menschen, die aus ihrer Liebe zum Wein kein Hehl machen.

Die englischen Besatzer von Basra – der Roman „Engel des Südens”
In seinen Büchern geht es verständlicherweise um seine Ver­gan­gen­heit, seine eigene Geschichte. Kann er sich vorstellen, einmal ein Buch völlig los­gelöst von diesem „persönlichen“ Kontext zu schreiben? 

„Ich ein Schläfer? Zum Lachen“

Najem Wali über die veränderte Welt nach 9/11, wahre Freunde, sein Rendezvous mit einer Autobombe und den arabischen Frühling.

Zehn Jahre nach 9/11. Das Interview führte Andreas Fanizadeh.
Die Tageszeitung, 11. September 2011

Eine kleine Wohnung in Berlin-Kreuzberg, Najem Walis Schreibstube. Ein gerahmtes Foto an der Wand: Wali, der irakische Exilschriftsteller im Gespräch mit Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Ein anderes Bild zeigt ihn zusammen mit Günter Grass. Wali lebt seit seiner Flucht aus dem Irak 1980 in Hamburg, seit 2004 in Berlin. Er ist Hanser-Autor, schreibt auf Arabisch, spricht fließend Deutsch.

taz: Herr Wali, wenn Sie zurückschauen, was dachten Sie damals, als Sie die Nachricht vom Angriff auf die Twin Towers und das Pentagon im September 2001 erreichten?

Najem Wali: Also zunächst konnte ich das kaum glauben. Ich lebte damals in Hamburg. Ich ging durch die Eppendorfer Landstraße und wollte etwas kaufen. Zwei Leute unterhielten sich in einem Laden. Einer fragte den anderen: Hast du gesehen, wie die Flugzeuge in die Twin Towers hineingestürzt sind? Das waren zwei Deutsche. Die taten ganz cool.

Was taten Sie dann?

„Der Irak ist ein Irrenhaus.“

Der Schriftsteller Najem Wali spricht im Interview über fünf Jahre Krieg, das Exil und die Sprengkraft der Fantasie. Das Gespräch führte Katja Reimann.
Der Tagesspiegel, 19.03.2008

Herr Wali, heute jährt sich zum fünften Mal die Invasion der Amerikaner im Irak. Wie beurteilen Sie die momentane politische Situation?
Es ist eine katastrophale Lage. Die Menschen im Irak sind resigniert. Vor dem Einschreiten der Amerikaner hatten wir eine Diktatur, jetzt haben wir Chaos.

Sie leben seit 1980 in Deutschland im Exil. Wann waren Sie das letzte Mal im Irak?
2004. Theoretisch darf ich jetzt natürlich wieder zurück. Aber ich brauche Ruhe, um zu schreiben, und auch Distanz zum Land. Außerdem: Wenn man einmal ins Exil geht, dann für immer. Das Exil ist eine Einbahnstraße. Man selbst ändert sich mit den Jahren, die Menschen im Heimatland ändern sich auch. Wenn ein Haus zerstört wird, ist es eine Ruine. Wenn die Seele eines Menschen zerstört wird, ist das auch wie eine Ruine. Es gibt einen Körper, der durch die Straßen läuft, aber die Blicke sind leer.

Ihr Roman „Jussifs Gesichter“ gibt einen Einblick in das Leben im Kriegsland Irak. Gibt es dort noch so etwas wie Alltag?
Ja. Die Sirenen heulen, Bomben fallen, aber die Menschen gehen ihrem normalen Leben nach. Der Alltag hat sich angepasst. Viele sitzen in ihren Häusern, gehen sehr früh morgens in die Geschäfte zum Einkaufen und dann zurück nach Hause. Einerseits haben die Menschen Angst: In jeder Ecke kann der Tod lauern, plötzlich eine Bombe hochgehen. Andererseits macht so ein eingeschränktes Leben auch kreativ: Früher ist man abends ins Theater gegangen, jetzt gehen die Menschen vormittags. Stellen Sie sich vor: ins Theater um elf Uhr morgens.