„Soad und das Militär“

Der Geheimdienst als Künstleragentur
Najem Wali erzählt in seinem neuen Roman „Soad und das Militär“, wie ein Mensch systematisch fremdbestimmt wird.

Buchbesprechung von Beat Mazenauer bei literaturkritik.de

Die Menschen in Ägypten wissen aus langjähriger Erfahrung, dass die Machthaber ihnen misstrauen und sie deshalb von Geheimdiensten überwacht werden. Davor sind auch Berühmtheiten nicht gefeit, ganz im Gegenteil, wie Najem Wali erzählt. Auf verschlungenen Wegen kreuz und quer durch die Innenbezirke Kairos führt sein Ich-Erzähler hinein in eine Geschichte, in der die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit, Öffentlichkeit und Geheimnistuerei verschwimmen.

Auf dem nächtlichen Weg zurück ins Hotel wird er von einem Fremden verfolgt. Er befürchtet schon das Schlimmste, als sich der mysteriöse Verfolger als sein alter Freund Simon Syros entpuppt. Sichtlich um Unauffälligkeit bemüht, überreicht ihm dieser ein sorgfältig verschnürtes Päckchen mit elf Heften. Darin findet der Erzähler die Geschichte von Simon und dessen Geliebter Soad aufgezeichnet, der legendären Sängerin und Schauspielerin, deren anscheinend glänzende Karriere unter einem dunklen Stern stand. Soad war noch keine neun Jahre alt, als das Militär im Sommer 1952 gegen König Faruk I. putschte und formell eine Republik ausrief, die unter Gamal Abdel Nasser militaristische Züge annahm. Das Lied Gott erhalte deine Armee, mein geliebtes Ägypten sollte zum Jubelgesang auf die neue Zeit werden – gesungen von einem „Goldkind“ aus dem Volk: Soad. Für sie aber sollte die Liedzeile „Die Armee ist es, die uns schützt“ zum Fluch werden und zu Lebzeiten „wie ein Alptraum auf ihr lasten“.

Katz und Maus spielen mit der Zensur

Seine Bücher bringen ihm Drohungen ein, Verleger in Schwierigkeiten und landen auf dem Index. Wie Najem Walis neuer Roman trotzdem an die arabischen Leser gebracht wird.

Von Lena Bopp, Beirut, FAZ 20. Juli 2021

Manchmal sind die Bücher von Najem Wali gefährlich. Nicht in Deutschland natürlich, wo die Romane des 1980 aus dem Irak emigrierten Schriftstellers oft wohlwollend aufgenommen werden. Aber in arabischen Ländern durchaus. Der Roman „Saras Stunde“ (2018) über eine junge Frau, die gegen konservative Kräfte in ihrer saudischen Heimat kämpft, geriet in Saudi-Arabien auf den Index. Auch sein jüngstes Buch, „Soad und das Militär“, brachte, während es in Deutschland vor wenigen Wochen naturgemäß problemlos erschien, seinen irakischen Verleger in Schwierigkeiten. An „Soad und das Militär“ ist schon der Titel verdächtig. Gleich mehrere Verlage in Beirut und Bagdad wollten den Roman nicht veröffentlichen, und als er schließlich bei Darstoor in Bagdad erschien, wurde das Wort „Militär“ auf dem Cover mit einem schwarzen Balken überdeckt. Das Buch greift die Geschichte der ägyptischen Schauspielerin Soad Hosny auf, um deren Tod sich allerlei Mythen ranken. Denn bevor die im Ägypten der sechziger und siebziger Jahre verehrte Diva 2001 vom Balkon eines Appartements in London stürzte, soll sie angekündigt haben, ihre Memoiren zu schreiben. Da sie enge Verbindungen zum Militär und in die Politik hatte, kam rasch die Vermutung auf, sie könnte ermordet worden sein, allerdings wurden die genauen Umstände ihres Todes nie geklärt.

Den vollständigen Artikel in der FAZ lesen Sie HIER

Soad und das Militär

Najem Wali, der im Irak unter dem Diktator Saddam Hussein geborene Schriftsteller, hat in seinem neuen Roman „Soad und das Militär“ mit dem Militärregime in Ägypten abgerechnet. Ein Roman voller Abgründe.

WDR3 Buchrezension von Stefan Berkholz, 2. Juli 2021

Eine verhängnisvolle Begegnung
Der Ich-Erzähler kommt auf Einladung des Goethe-Instituts zu einer Lesung nach Kairo, ein paar Tage will er bleiben. Später läuft ihm in den Gassen der Altstadt ein alter Freund nach, unter konspirativen Umständen kommen sie zusammen, eine Kladde mit Aufzeichnungen wird übergeben. Drei Jahre sind seit den Protesten auf dem Tahrir-Platz vergangen und dreizehn seit ihrer letzten Begegnung. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. „Das Militär verstand, sobald es selbst betroffen war, keinen Spaß! (…) Hätten die Hefte nur den Titel Soad getragen, hätte es gar kein Problem gegeben, ganz egal, was ihr Inhalt besagte, ganz egal, was für Geheimnisse enthüllt wurden. All dies wäre kein Vergehen oder Verbrechen gewesen. Doch ihr Titel lautete Soad und das Militär, und das, das war ein Verbrechen!“

Von Anfang an mitreißend
Schon der Besitzer eines solchen Manuskripts kann sich in Lebensgefahr bringen, so ist das unter einem Militärregime, das in Ägypten seit 1952 mehr oder weniger an der Macht ist. Wie ein Thriller kommt dieser Roman daher, von Beginn an fesselnd, reißend, drängend, unheilschwanger.

Eine ägyptische Cindarella

Najem Wali über die ägyptische Filmdiva Soad Hosny, die politische Entwicklung in Ägypten seit den 50er Jahren und seinen neuen Roman „Soad und das Militär“.

Ein Interview in der TAZ von Andreas Fanizadeh, 19. Juni 2021

Egypt, Cairo, Cafe Riche

taz am wochenende: Herr Wali, Sie waren sicherlich öfters in Kairo, Kairo ist ja Ausgangspunkt Ihres aktuellen Romans?

Najem Wali: Zum ersten Mal war ich 1993 in Kairo. Sechs Monate lang. Damals schrieb ich an der Uni Hamburg meine Doktorarbeit. Ich habe in der ägyptischen Nationalbibliothek recherchiert. Damit begann meine Liebe zu Kairo. Ich war seitdem fast jedes Jahr da.

taz am wochenende: In Ihrem neuen Roman „Soad und das Militär“ verbinden Sie eine Geschichte aus der Mitte des letzten Jahrhunderts mit der Gegenwart, warum?

Najem Wali: Das Thema Militär beschäftigt uns in der Region und mich schon seit meinem ersten Roman, „Krieg im Vergnügungsviertel“. Egal wo, sie regieren permanent. Die Militärs in Ägypten oder Irak kamen im Namen von nationaler Unabhängigkeit und Befreiung an die Macht. Sie gaben sie seither nie mehr freiwillig ab. Sie haben Königreiche wie in Ägypten gestürzt. Doch mit dem Versprechen von Freiheit und Wohlstand für alle wurde es nichts. Es war ein Betrug. 1952 putschten die Militärs in Ägypten. Bis heute kontrollieren sie mit ihren Geheimdiensten das gesellschaftliche Leben und die wichtigen Zweige der Wirtschaft. Diesen Juli werden es 69 Jahre sein! Ihr ganzer Patriotismus dient nur dazu, von Misswirtschaft und fehlender Demokratie abzulenken.

1952, das war Gamal Abdel Nasser?

Ja, die Offiziersclique um ihn. Aber es geht mir weniger um das Militär als um Macht und Abhängigkeit. Meine Hauptfigur ist eine Künstlerin, eine ägyptische Filmdiva, die missbraucht und deren Existenz am Ende von den Mächtigen zerstört wird.

Hat diese Figur der Filmdiva Soad reale historische Bezüge oder ist sie eine rein literarische Erfindung?

Soad Hosny existierte. Sie war eine sehr bekannte Frau. Sängerin, aber noch berühmter als Schauspielerin. Die „Cinderella“ des ägyptischen Kinos. Geboren 1943 in Kairo, starb sie Juni 2001 in London. Sie fiel vom Balkon einer Wohnung aus dem sechsten Stock des Stuart Towers. Sie hatte angekündigt, ihre Memoiren schreiben zu wollen. Das musste für viele hochrangige ägyptische Militärs und Geheimdienstleute als Bedrohung klingen. Laut Scotland Yard war es Selbstmord oder ein Unfall. Aber viele glauben, es war Mord.

2001 der Tod in London, 2011 der Arabische Frühling und der Sturz des Mubarak-Regimes in Kairo, dort soll man auf dem Tahrir-Platz Lieder von ihr gesungen haben?

Deutschlandfunk Kultur LESART: „Soad und das Militär“

„Meine Fiktion basiert auf Fakten.“ Najem Wali im Gespräch mit Andrea Gerk über seinen neuen Roman „Soad und das Militär“.

LESART | Beitrag vom 11.06.2021 hier ANHÖREN

An den Fall der ägyptischen Schauspielerin Soad Hosny angelehnt, schreibt Najem Wali über das Militär in Ägypten und überall. Es geht um Herrschaft und Machtmissbrauch und das zerstörte Leben einer Künstlerin. Ein Mann begegnet in Kairo einem alten Freund, einem Amerikaner. Zu dem Zeitpunkt sind drei Jahre seit den Protesten auf dem Tahrir-Platz vergangen, viel mehr seit der letzten Begegnung der beiden. Der Freund erzählt, er habe mit seiner großen Liebe Soad, einer berühmten ägyptischen Schauspielerin und Sängerin, jahrelang in London zusammengelebt, um sie aus den Fängen des Militärs zu retten.

So beginnt der neue Roman des Schriftstellers und Journalisten Najem Wali, der in Basra geboren wurde und 1980 aus dem Irak nach Deutschland geflohen ist. Während seine bisherigen Werke vor allem in seiner Heimat spielen, siedelt Wali sein neues Werk in Ägypten an, wo das Militär seit 1952 die große Macht im Land ist. „Sie gehen vielleicht mal aus der Tür, aber kommen durch das Fenster zurück, wie es nach dem Arabischen Frühling passiert ist“, sagt Wali.

Spekulation um Todesumstände
In seinem Roman stürzt die große Liebe seines Freundes dann aus dem sechsten Stock ihres Hauses in England. Die Umstände ihres Todes lassen Spekulationen aufkommen: War der ägyptische Geheimdienst verwickelt? Weil es hieß, Soad arbeite an ihren Memoiren, in denen sie sich auch mit der Rolle des ägyptischen Militärs beschäftigte? Dem Militär, das ihr Leben gesteuert habe. Der amerikanische Freund übergibt dem Erzähler elf Hefte der Memoiren.

Wali hat den Roman an einen realen Fall in Ägypten angelehnt: „Ich suche die Fakten und ich baue auf diese Fiktion, bis man das nicht mehr unterscheidet“, sagt er zu seiner Arbeitsweise als Erzähler. „Meine Fiktion basiert auf Fakten, sie können das Faktion nennen.“ Leicht lässt sich Soad Hosny als Vorbild der Romanfigur identifizieren: „Sie war ein einfacher Mensch, ein liebevoller Mensch und hat tolle Rollen gespielt, man hat sie auch Cinderella genannt.“ Sie stürzte in London aus dem Fenster, anschließend wurde kräftig gemutmaßt: „Man sagt, Selbstmord, Unfall – man sagt, das Militär war dahinter, weil sie ihre Memoiren schreiben wollte. Aber bis jetzt haben wir keine Memoiren gesehen. Da habe ich mir gedacht, Najem, das ist deine Rolle, diese Memoiren zu erfinden.“

Der neue Roman von Najem Wali erscheint am 11. Juni 2021

Najem_Wali_Soad_TitelEin Mann begegnet in Kairo scheinbar zufällig einem alten Freund, dem Amerikaner Simon Syros. Drei Jahre sind seit den Protesten auf dem Tahrir-Platz vergangen und dreizehn seit ihrer letzten Begegnung. Damals verschwand Simon spurlos aus einer Bar. Jetzt erzählt ihm der wiedergefundene Freund die Geschichte seiner großen Liebe zu Soad, einer berühmten ägyptischen Schauspielerin und Sängerin, mit der er in London bis zu ihrem Tod zusammenlebte, seiner gefährlichen Freundschaft zum Geheimdienstoffizier Sherif und seines Versuchs, Soad aus den Fängen des Militärs zu retten.

SOAD UND DAS MILITÄR ist Najem Walis erster Roman im Secession Verlag.

 

Experiment HEIMAT

HEIMAT. Was ist Heimat? Eine Emotion oder ein Ort? Eine Realität oder ein Ideal? Ist sie dort, wo wir geboren sind? Oder da, wo wir jetzt leben? Ist sie Schicksal oder etwas, das man sich selbst schafft? Eine Utopie, ein Reizwort, ein Kampfbegriff? Diese und viele weitere Fragen stellt das interdisziplinäre Literatur und Fotografie-Projekt Experiment HEIMAT ins Zentrum einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Begriff der HEIMAT. Im Fokus des Vorhabens stehen neun bereits als HEIMAT etablierte Räume, mit denen Künstler*innen sich ergebnisoffen literarisch-fotografisch befassen werden.

Najem Wali begibt sich mit mit anderen Künstler*innen auf HEIMAT-Suche.

 

Experiment HEIMAT: Nottuln

Wadentraining und Erinnerungen

Der irakische Schriftsteller Najem Wali mit Swenja Janning, der Kulturreferentin des Kreises Coesfeld, vor dem Nottulner Rathaus.
Der irakische Schriftsteller Najem Wali mit Swenja Janning, der Kulturreferentin des Kreises Coesfeld, vor dem Nottulner Rathaus.

Der Schriftsteller und Journalist Najem Wali war zu Gast in Nottuln. Der Wahl-Berliner aus dem Irak gehört zu den bekannten kritischen Stimmen der arabischen Welt.

Von Ulla Wolanewitz, Westfälische Nachrichten, 18.05.2021

Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Und wer die schönste Sicht in die Baumberge genießen will, muss 129 Stufen bewältigen. Dieses spezielle Wadentraining ermöglichte „Turmherr“ Wilhelm Wesseln am Montag einem besonderen Gast aus Berlin. Der irakische Schriftsteller Najem Wali , der in diesen Tagen im Rahmen des Projektes „Experiment Heimat“ – initiiert vom Westfälischen Literaturbüro in Unna – in der Region unterwegs ist, startete seine Exkursion in und um Nottuln herum auf dem Longinusturm mit der wunderbaren Aussicht auf die sonnengelben Rapsfelder. Mit Blick auf die neuen Entfernungstafeln an der Reling in 24 Metern Höhe fiel dem Journalisten in südwestlicher Richtung gleich der Name „Bergkamen“ ins Auge. „Dort musste ich 1983 zu einer Anhörung“, erinnerte er sich.

Woche der Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist mehr als meine Meinung!

Wali_WdM_quer-1
Copyright © Olaf Deneberger & Natalie Färber | Delusions of Grandeur

Elf PUNKTE vereint die Charta der Meinungsfreiheit, die zum Schutz und zur Förderung der offenen Debattenkultur beiträgt. Ihre Unterzeichnung ist eine Selbstverpflichtung die festgeschriebenen Leitsätze anzuerkennen, nach ihnen zu handeln und sie in das eigene Umfeld und Netzwerk zu tragen.

Unterzeichnen Sie jetzt!

10 Jahre Arabellion und andere Aufstände

Die Arabellion, besser bekannt als „Arabischer Frühling“, bezeichnet eine Serie von Aufständen, Protesten und Revolutionen in der arabischen Welt, die im Jahr 2010 begann.

Über die Bedeutung der Arabellion lässt sich streiten, ebenso über ihre Bilanz: Nur in einem einzigen Land hat sich seit 2011 eine fragile Demokratie entwickelt. Deutlich mehr Länder der Region sind im Krieg versunken oder erlebten die Wiederherstellung repressiver und autoritärer Regime. Es folgten bis in die jüngste Zeit weitere Aufstände und Massenproteste in Ländern, die anfangs nicht betroffen waren. Die Umstände und Auslöser waren und sind sehr unterschiedlich, aber stets von dem Wunsch nach Wandel getrieben.

Wie entstehen gesellschaftliche Veränderungen? Zeigen Aufstände und Proteste in Politik, Staat und Gesellschaft Alternativen auf? Sind sie der Beginn einer Zeitenwende?

Darüber diskutieren am 18. März 2021 live in der Bundeskunsthalle
Iryna Herasimovich, belarussische Übersetzerin, Essayistin und Kuratorin
Joschka Fischer, ehemaliger Bundesaußenminister
Najem Wali, deutsch-irakischer Schriftsteller
Martin Kobler, ehemaliger deutscher Diplomat
Moderation: Sabine Christiansen

Ab 19 Uhr live auf www.bundeskunsthalle.de/live
und später auf Abruf unter www.bundeskunsthalle.de/mediathek

Wie man zum Geächteten wird

Es ist viel die Rede von Fortschritten im Nahost-Friedensprozess, doch gerade unter arabischen Intellektuellen wird weiter gegen Israel gehetzt. Und gegen alle, die für eine Normalisierung eintreten.

Essay von Najem Wali, F.A.Z am 23. Januar 2021

Ende dieses Monats ist es zehn Jahre her, dass arabische Jugendliche auf die Straßen gingen. Seitdem hat sich vieles in der Region verändert, Regime sind gestürzt, Wahlen haben stattgefunden. Nur eines hat sich keinen Millimeter bewegt: die sture Antinormalisierungshaltung gegenüber Israel, die bei der Mehrheit der arabischen Intellektuellen Tradition und insbesondere bei der älteren, aber in der Kulturszene dominanten Generation ihren festen Platz hat.

Fangen wir mit einem berühmten Fall an: Ende 2010, nur wenige Wochen vor dem Kairoer Frühling, gab das Israelisch-palästinensische Zentrum für Forschung und Information (IPCRI) bekannt, dass es seinen hebräischen Lesern das seltene Privileg bieten wolle, einen damals vieldiskutierten ägyptischen Roman zu lesen. Als dessen Autor sich weigerte, das Buch ins Hebräische übersetzen und in Israel veröffentlichen zu lassen, übernahm ein Freiwilliger die Übersetzung, und das IPCRI wollte sie kostenlos anbieten, um das kulturelle Bewusstsein und das wechselseitige Verständnis in der Region zu erweitern. Der Autor war aufgrund seiner Haltung zu Israel darüber zutiefst frustriert. Er beschuldigte das IPCRI und den Übersetzer der Piraterie und des Diebstahls und reichte eine Beschwerde bei der International Publishers Association ein. Sein gutes Recht. Aber was bedeutet seine gegen jede Normalisierung des arabisch-israelischen Verhältnisses gerichtete Handlung?

Warum die Entführung Hella Mewis‘ politische Motive haben könnte

Die Entführung der deutschen Kulturmanagerin Hella Mewis am Montagabend, 20. Juli 2020, kam überraschend. 2015 hat sie in Bagdad ein Kulturhaus gegründet, das die Arbeit junger irakischer Künstler*innen fördert.

Über die Arbeit von Hella Mewis hat Christoph Leibold mit Najem Wali am 22. Juli 2020 im BR gesprochen. Wali lebt in Berlin und war regelmäßig in Mewis‘ Kulturhaus „Bait Tarkib“ für Lesungen zu Gast. Zudem arbeitet er gemeinsam mit ihr an einer literarischen Reise-Anthologie über Bagdad. Das Gespräch HÖREN und LESEN SIE HIER

Am Dienstag, 21. Juli 2020, brachte MDR aktuell ebenfalls ein Statement von Najem Wali zur Entführung der Kulturmanagerin Hella Mewis.

Hella Mewis ist wieder frei!

Nach fünf Tagen im Schockzustand über Hella Mewis‘ Entführung, fünf Tagen des angespannten Wartens und der Sorge, nun einmal eine freudige Nachricht aus Bagdad: Hella Mewis ist wieder frei! Welche Bedeutung hat ihre Arbeit für die jungen Künstler vor Ort?

Ein Gastbeitrag von Najem Wali,  SPIEGEL online, 25. Juli 2020

Irakische Kulturszene
Auf den ersten Blick herrscht heute Demokratie
Ich kenne Hella Mewis, diese wunderbare Frau, seit 2011, als sie von Kairo nach Bagdad kam, sich in die Stadt verliebte und beschloss, allen Gefahren zum Trotz, zu bleiben. Im Jahr 2015 eröffnete sie dort das „Bait Tarkib“ („Haus der Gestaltung“), ein Zentrum für junge Künstler.

Im Frühling 2014 veranstaltete sie mit mir in der Ruine des ehemaligen Gerichtsgebäudes in der Mutanabbi-Straße die erste Lesung aus meinem Roman „Bagdad Marlboro“, in Deutsch und Arabisch. Ich weiß noch, wie sie auf dem Weg dorthin wegen des dichten Verkehrs aus dem Taxi steigen und zu Fuß weitergehen wollte. Aus Sorge um sie zögerte ich zunächst, denn wir mussten durch ein ärmeres Viertel mit engen Gassen. Doch zu meiner Überraschung kannten die Menschen sie dort. Alte Leute, die vor ihren Häusern in der Sonne saßen, standen auf und begrüßten sie: „Willkommen, Madame!“ In fast allen Bagdader Geschäften und Klubs war Hella bekannt und respektiert. „Sie brauchen keinen Ausweis, Hella ist Ihre ID“, hieß es in meine Richtung von sämtlichen Wachleuten.

Hella Mewis hätte sich nicht schützen können

Deutschlandfunk Kultur, 22. Juli 2020

Ihr Kulturzentrum Beit Tarkib in Bagdad war Anlaufpunkt für junge Künstler und Rebellen. Aus Anteilnahme ist Hella Mewis ihnen auf Demonstrationen gefolgt, sagt der irakische Schriftsteller Najem Wali, ein Freund der entführten deutschen Kuratorin.

Najem Wali im Gespräch mit Marietta Schwarz

Auf eigene Initiative hin hat Hella Mewis in der irakischen Hauptstadt 2015 das Kulturzentrum Beit Tarkib gegründet, erinnert sich der in Berlin lebende Schriftsteller Najem Wali. 1956 im irakischen Basra geboren, flüchtete er 1980 nach Ausbruch des Iran-Irak-Krieges nach Deutschland. „Hella war in Bagdad verliebt.“ Die beiden kannten sich persönlich. In dem Kulturzentrum habe sie einen Traum verwirklicht.

Proteste im Irak: Schiiten gegen Schiiten

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Najem Wali in einem Gastbeitrag darüber, was die Widerstände im Irak von anderen arabischen Aufständen unterscheidet. Welche Mächte sich einmischen. Und warum die Bewegung zum Scheitern verurteilt ist. (SZ, 7. November 2019)

Aufstand der Jugend - die Unruhen in Bagdad begannen mit Tuktuk-Fahrern und Straßenverkäufern. (Foto: Khalid Mohammed/dpa)
Aufstand der Jugend – die Unruhen in Bagdad begannen mit Tuktuk-Fahrern und Straßenverkäufern. (Foto: Khalid Mohammed/dpa)

Als Erste erhoben sich die Jugendlichen aus den Slums von Bagdad, aus Thawra, Schula, Hurrija. Sie waren Straßenverkäufer und Fahrer von Tuk-Tuks, Motorradtaxis. Die Regierung hatte ihre selbstgebauten Elendshütten niederreißen lassen und den Straßenverkauf verboten, dann schränkte sie die Tuk-Tuk-Routen durch die Stadt ein. Wo und wovon sollten sie leben? Das war Anfang Oktober.

Die Aufständischen besetzten den Tahrir-Platz und andere Flächen der irakischen Hauptstadt, und etwas Seltsames geschah. Bislang galten Straßenverkäufer und Tuk-Tuk-Fahrer als „Schmarotzer“, die vom Chaos profitierten und rote Ampeln überfuhren. Aber nun sang die Presse Loblieder auf die jungen Menschen. Frauen und Männer, Intellektuelle und einfache Bürger priesen ihren Mut, ihre Großzügigkeit und Opferbereitschaft, weil sie heldenmütig die Verletzten ins Krankenhaus brachten.

Kulturgeschichten

PortraitWaliNajem Wali spricht am 21. November 2019 in Berlin mit dem Journalisten Michel Abdollahi über seine Biografie, sein Werk und die Bedeutung kultureller Vielfalt für unsere Gesellschaft. In seinen Romanen und Erzählungen entwirft Wali ein vielschichtiges Bild seiner Heimat. In seinen journalistischen Beiträgen ist er kritischer Kommentator des gesellschaftspolitischen Geschehens in Deutschland und der arabischen Welt. KULTURGESCHICHTEN ist eine Veranstaltungsreihe der Konrad Adenauer Stiftung. Weitere Informationen dazu finden Sie HIER.

RTL Télé Luxemburg interviewt Najem Wali

Was bedeutet Engagement? Wie lebt man im Exil? Ein Gespräch über Flucht, Gesellschaft und Kultur

Foto: Mudam Luxxembourg
Foto: Mudam Luxembourg

Anlässlich der NACHT DER IDEEN in Luxembourg sprach Caroline Mart, Journalistin des Senders RTL Télé Luxemburg, mit Najem Wali über seine Erfahrungen mit Flucht und Exil. Das ganze Interview in deutscher Sprache sehen Sie HIER

Das luxemburgische Radio 100,7 lud Najem Wali anlässlich der NACHT DER IDEEN zu einem ausführlichen Gepräch über Literatur und sein Leben im Exil in sein Studio. Das Interview in deutscher Sprache hören Sie HIER

Im Studio von Radio 100,7
Im Studio von Radio 100,7

 

Die Nacht der Ideen

Najem Wali ist zu der NACHT DER IDEEN eingeladen, eine Veranstaltung, die bereits in über 100 Städten rund um den Globus organisiert wurde und in diesem Jahr am 31. Januar 2019 im Mudam, dem Museum für zeitgenössische Kunst in Luxemburg, stattfindet. Das Thema dieses Jahres lautet: „Face au présent – Der Gegenwart gegenüber”. Als gemeinschaftliches Projekt des Institut français du Luxembourg, des Institut Pierre Werner und des Institut français Saarbrücken bietet dieser Abend eine Gelegenheit, gemeinsam über den Begriff des Engagements nachzudenken und sich auszutauschen.

Wie kann man, als Einzelner oder in der Gemeinschaft, dem begegnen, was unsere Zeit von uns verlangt? Was bedeutet es, angesichts der Krisen und großer Dringlichkeiten „engagiert” zu sein? Welche Formen von Engagement gibt es in Luxemburg, in der Großregion und auf internationalem Niveau? Wer ist es, der sich engagiert, und warum entscheiden sie sich für ihr Engagement?

Vom Widerstand einer Frau gegen die Schikanen ihrer Heimat

100Verbote und Zwangsheirat: Eine junge Frau rebelliert gegen das saudi-arabische Patriachat

Buchbesprechung zu SARAS STUNDE von Ulrike Baureithel
Der Tagesspiegel, 27. Juli 2018

Walis Heldin ist eine jener unerschrockenen Frauen in der arabischen Welt, von denen der Autor sagt, sie „kämpfen mit einem Körper aus Glas gegen den Stein“. Insbesondere in der Ostprovinz, wo die saudischen Mädchen durch die Folgen des Golfkriegs mit den freier erzogenen Flüchtlingsfrauen aus Kuwait in Kontakt kommen, erhebt sich Widerspruch. Sara fühlt sich zum Entsetzen ihres Vaters zu einem Handwerker hingezogen, eine Unmöglichkeit in der sozial extrem segregierten und hierarchischen saudischen Gesellschaft. Wali entwirft ein differenziertes Bild der saudisch-arabischen Gesellschaft. Eingebettet in die turbulenten Ereignisse seit 1980, die den Krieg ins eigene Land tragen, hat Saras Schicksal etwas Exemplarisches.
Die ausführliche Rezension lesen Sie HIER

Aufstand gegen den Tugendzwang

Sara ist keine politische Aktivistin, sie will keine großen Umwälzungen. Sie möchte „nur“ ein selbstbestimmtes Leben führen – in Saudi-Arabien auch eine Art von Revolution.

Alles in Saras Welt ist streng geregelt und vorgegeben. Jeder hat seine Aufgaben zu erledigen, seine Rollen auszufüllen, seine Grenzen einzuhalten. Innerhalb dieses Regelwerks hat Sara sich zu bewegen und ihr Leben zu arrangieren. In „Saras Stunde“ erzählt der Autor Najem Wali vom stillen Aufbegehren einer jungen Frau in Saudi-Arabien gegen die Scheinheiligkeit der Männergesellschaft.

DIE PRESSE, 26. Mai 2018
Die ganze Buchbesprechung von Irene Zöch finden Sie HIER

Najem Wali und Sibylle Lewitscharoff im SPIEGEL – Gespräch

Najem Wali und Sibylle Lewitscharoff reden über das Kreuz, die Vollverschleierung – und die letzten Fragen sowieso.

Foto: Wolfgagn Stahr/DER SPIEGEL
Foto: Wolfgang Stahr/DER SPIEGEL

Die beiden ha­ben für ihr Buch »Abra­ham trifft Ibra­him. Streif­zü­ge durch Bi­bel und Ko­ran« neun Ge­stal­ten aus­ge­wählt, von Eva, Abra­ham und Mose über Lot, Hiob, Jona, Kö­nig Sa­lo­mo, die Jung­frau Ma­ria bis zum Teu­fel(*). De­ren Ge­schich­ten ge­hen sie ab­wech­selnd aus je ei­ge­ner Sicht nach. Ihr li­te­ra­risch-phi­lo­so­phi­scher Dia­log zwi­schen den Welt­re­li­gio­nen be­rührt die ewi­gen Mensch­heits­fra­gen Schuld und Ge­rech­tig­keit, Stra­fe und Er­bar­men, Ge­walt und Ver­söh­nung eben­so wie die Kri­sen un­se­rer Zeit.
DER SPIEGEL 19/2018. Das ganze Gespräch lesen Sie HIER

SARAS STUNDE auf Bestsellerliste Nummer 1

IJamalonm arabischen Raum gibt es diverse Onlineseiten zum Bücherverkauf, die größten heißen www.neelwafurat.com (Nil und Euphrat) und www.jamalon.com (Jamalon). Bei beiden steht SARAS STUNDE (Originaltitel ITHM SARA – SARA´S SIN) ganz oben auf der Bestsellerliste. Endlich im Reich der Bestsellerautoren! Und mit was für einem Roman? Einem Roman über eine rebellische Frau. Das zeigt, wie weit die arabische Gesellschaft durstig ist nach solchen Themen, nach solchen Frauen…

Bittere Wirklichkeit in Saudi-Arabien

Najem Wali hat mit SARAs STUNDE wieder einen fulminanten, wunderbar erzählten Roman geschrieben, der die aktuellen Ereignisse, das scheinbare Tauwetter in Saudi-Arabien besser verstehen hilft.“

Buchtipp von Mario Scalla, hr2-kultur, Kulturfrühstück, 5. 4. 2018
In SARAs STUNDE wechselt Najem Wali den Schauplatz, verlässt den Irak, Land seiner Geburt und bevorzugter Ort seiner Romane, und führt uns nach Saudi-Arabien. Die Widersprüche treten zutage – Alt gegen Jung, Geschäft gegen Religion, Mann gegen Frau. Die ganze Rezension hören Sie HIER

8. März 2018, Graz

Am 8. März 2018 schlug SARAS STUNDE. Im Afro-Asiatischen Institut Graz stellte Najem Wali anlässlich des Internationalen Frauentages seinen neuen Roman über eine rebellische junge Generation in Saudi-Arabien, dem Königreich des Sandes, einem interessierten Publikum vor. Ninja Reichert vom Schauspielhaus Graz interpretierte einige Passagen des Buches, und Imogena Doderer von der Kulturredaktion des ORF fragte den Schriftsteller nach seiner Motivation, einen „Frauenroman“ über Gewalt, Macht und die Scheinheiligkeit in einer hemmungslos korrupten Gesellschaft zu schreiben.

Literaturkritik: Tugendterroristen

NW_Lesung GRAZ080318
foto: cp-pictures

„Dieses Mädchen macht mir Angst“, sagt der Vater in Najem Walis Roman SARAs STUNDE über seine Tochter. Die Geschichte eines gerechten Mordes.
Literaturkritik in DER SPIEGEL 9/2018
von Lothar Gorris

Der Schriftsteller Najem Wali ist eine Art Satellit der arabischen Literatur, eine Stimme, die hinunterfunkt in eine Welt der Ungerechtigkeit. Anfang der Achtzigerjahre flüchtete er nach Deutschland. Seine Bücher schreibt er auf Arabisch. Fast alle wurden zuerst von seinem Verlag in Beirut veröffentlicht und erst später ins Deutsche übertragen. Ein Autor der arabischen Postmoderne, der sich selbst in seinen Büchern auftreten lässt und in orientalischen Schlaufen erzählt. Vor allem ist Wali ein Autor, der den Tabubruch sucht. SARAs STUNDE ist ein einziger Tabubruch. Die ausführliche Literaturkritik lesen Sie HIER