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Chronist der Kriegsverbrechen

Buchkritik zu „Bagdad Marlboro. Ein Roman für Bradley Manning“

von Sigrid Brinkmann
Deutschlandradio Kultur, 22. April 2014

„Die Welt ist ein Saustall, der Irak ihr Zentrum“, befindet der Ich-Erzähler in diesem Roman. Najem Wali gibt darin auf poetische Weise Zeugnis von den gewaltigen Umbrüchen in seinem Heimatland Irak – und würdigt nebenbei den Wikileaks-Informanten Bradley Manning.

22 Jahre nach seiner Flucht ins Exil kehrte der in Berlin lebende Najem Wali 2002 zum ersten Mal zurück in sein Geburtsland. Seither reist er Jahr für Jahr in den Irak. Weil die Menschen dort von kaum etwas anderem als den Verwüstungen des Krieges erzählten, schlüpft der 58 Jahre alte Autor aufs Neue in die Rolle des verlässlichen Chronisten kriegerischer Verbrechen und ethnischer Säuberungen.

„Die Welt ist ein Saustall, der Irak ihr Zentrum“, befindet der Ich-Erzähler, ein ehemaliger Tierarzt, der wie Tausende von Irakern aus Furcht vor Verfolgung den Namen wechselte und so lange von Ort zu Ort zog, bis die Ausreise in die USA gelang. „Bagdad Marlboro“ erschien 2012 in Beirut, ein Jahr vor Beginn des Prozesses gegen den Whistleblower Bradley Manning. Im amerikanischen Garnisonsstädtchen Fort Meade, wo der Fall verhandelt wurde, endet Walis Roman. Der Autor verneigt sich vor dem Mann, der Dokumente über Verbrechen der US-Streitkräfte an die Wikileaks-Plattform weiterleitete und mit diesem Akt bewies, dass man inmitten der „Hölle“ einer um sich greifenden Verrohung widerstehen und ethisches Urteilsvermögen sehr wohl bewahren kann. 

Irakische Soldaten werden lebendig begraben

Najem Wali hat lange Monologe über die Rechtlosigkeit im Irak verfasst und einen Lobpreis der Dichtung Walt Whitmans eingeflochten. Irakische Poeten übersetzten dessen Gedichte, und wenn sie sich unbemerkt wähnten, schrien sie Verse hinaus in die Wüste. Wali verknüpft die Lebensläufe kriegsunwilliger Iraker und Amerikaner, für die es weder Heilung noch Trost gibt.

Eine zentrale Rolle spielt ein schwarzer amerikanischer Militärangehöriger. Ihm gelang es, 13 Jahre lang in Versorgungsdepots zu dienen und dem Waffeneinsatz geschickt auszuweichen, bis ein vorgesetzter Major ihn – unter den Jubelrufen arabischer Soldaten aus den internationalen Schutztruppen – zwang, einen Bulldozer zu besteigen und ausgehobene Gräben, in denen halbnackte irakische Soldaten kauerten, mit Sand zuzuschaufeln. Der Mann tötet, er schafft es, den Irak zu verlassen, er sühnt und kehrt zurück nach Bagdad. Sein Wunsch, die Angehörigen der lebendig begrabenen Soldaten ausfindig zu machen, wird verhöhnt. Eine „neue Spezies von Mördern“ hat ihn gefangen genommen und wird ihn hinrichten.

Atmosphäre der Ausweglosigkeit

Najem Wali hat ein abgrundtrauriges Epos verfasst. Eingestreute, absurd klingende und doch wahre Begebenheiten verdichten die Atmosphäre der Ausweglosigkeit. Und von tiefer Melancholie ist die Geschichte der dichtenden Soldaten, die nachts ihre Zigaretten der Marken Bagdad und Marlboro tauschten. Zwei zerdrückte Schachteln und ein mit Soldatenträumen angefülltes Heft wurden zur Hinterlassenschaft.

Ein Gedicht auf den flüchtigen Rauch der Zigaretten – „Lichtsäulen / Leuchten auf in Steppennacht“ – setzt Najem Wali an den Schluss. Ein paar Erinnerungen „in die Düsternis der Weltennacht“ zu meißeln, das hatte er sich beim Schreiben des Romans vorgenommen. Man wünscht sich, dass Najem Wali nicht ablässt, auf poetische Weise Zeugnis der gewaltigen Umbrüche im Irak zu geben und beharrlich weiter arbeitet an der Schaffung seines eigenen geschichtenreichen Archivs.

Najem Wali: Bagdad Marlboro. Ein Roman für Bradley Manning
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
Carl Hanser Verlag, München 2014
352 Seiten, 21,90 Euro

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