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Najem Wali: „Ich schreibe immer aus der Erinnerung“

In seinem Roman «Bagdad Marlboro» erzählt der irakische Schriftsteller Najem Wali von einem Land im Krieg. Heute erhält der zurzeit in der Villa Sträuli lebende Autor in Wien den Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch. Wie schreibt man aus der Distanz des Exils so einen Roman?

Als 1980 der Iran-Irak-Krieg begann, entzog sich Najem Wali der Einberufung in die Armee und floh nach Deutschland. Auf Desertion stand unter Saddam Hussein die Todesstrafe: Bis zu dessen Ende 2003 durfte Wali seine Heimat, in der bis heute seine Eltern leben, nur noch heimlich besuchen. In Hamburg und Madrid studierte er dar­auf deutsche und spanische Literatur. Heute ist der Autor, der 1956 in Basra geboren wurde, in Europa eine der bekanntesten Stimmen der arabischen Welt.

Als Journalist schreibt er nicht nur für die im Libanon erscheinende arabische Tageszeitung «Al-Hayat», er meldet sich auch regelmässig in den grossen deutschsprachigen Zeitungen zu Wort. So berichtete er etwa im ­Januar in der «Neuen Zürcher Zeitung» über die arabischen ­Reaktionen auf das Attentat in Paris. Seine Bücher erscheinen im Hanser-Verlag. Für das jüngste, den vor einem Jahr erschienenen Anti­kriegsroman «Bagdad Marlboro», erhält Wali heute in Wien den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch. Zum Artikel

Nahe am gesprochenen Wort
Die Sprache des vom renommierten Übersetzer Hartmut Fähndrich ins Deutsche übertragenen Romans bewegt sich stets nahe am gesprochenen Wort, denn es ist der Erzähler, der entweder aus der eigenen Erinnerung erzählt oder sich an früher Erzähltes und in Briefen Berichtetes erinnert. Das Buch erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und arbeitet mit zahlreichen Einschüben, Rückblenden und Perspektivenwechseln.

Im Wesentlichen stellt der Roman zwei Kriegserfahrungen einander gegenüber: eine irakische und eine amerikanische. Im Zen­trum stehen der Dichter Salmân Mâdi, der traumatisiert aus dem Kuwait-Krieg zurückkehrt, der US-Soldat Daniel Brooks, der im selben Krieg gezwungen wurde, an der Erschiessung von irakischen Gefangenen teilzunehmen, und der Erzähler, ein Tierarzt, der den Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988 an der Front miterlebt hat, wo er für die medizinische Versorgung der Esel zuständig war, die dort als Minensucher eingesetzt wurden.

Zu den eindrücklichsten Passagen zählt jene, in der geschildert wird, wie der aus dem Krieg zurückgekehrte Dichter Mâdi die Stille nicht mehr erträgt: «Die Angst zog, stärker als jede Kälte, durch seine Knochen. Sie biss sich fest.» Mâdi sehnt sich nach Lärm und Geräuschen, die die Angst vertreiben: «Seine Verbündeten gegen die Angst waren: der Ruf der Eule, das Brüllen der Maul­tiere, das Knacken eines Astes, das Rauschen von Wasser, das Schlagen von Flügeln, auch das Gebrüll von umherstreifenden Kamelen, das Gebell eines Hundes, das Geschrei einer vorbeiziehenden Beduinenkarawane. Alles half gegen die Stille.»

Ein gutes Gedächtnis
Obwohl er gut Deutsch spricht, schreibt Najem Wali weiterhin auf Arabisch, wie er im Gespräch erklärt. «Ich betrachte mich als Exilautor», begründet er seine Entscheidung. Die Sprache verbinde ihn seit 34 Jahren weiterhin mit seiner Heimat.

Wie kann man aus der Distanz des Exils so einen Roman schreiben, woher stammen die Kenntnisse über das irakische Militär und die Kriege, die Wali in seinem Roman verarbeitet hat? «Die Hauptquelle ist mein Dienst in der irakischen Armee von 1978 bis 1980, nach meinem Studium der deutschen Literatur in Bagdad. Das ist zwar lange her, aber dort habe ich nicht nur Menschen und Soldaten, sondern auch das militärische Know-how, die Details kennen gelernt. Zudem habe ich nach meiner Emigration meine Beziehungen zum Land nie abgebrochen, und es ist fast kein Wochenende vergangen, ohne dass ich mit meinen Eltern telefoniert habe. Die Berichte in den Zeitungen hielten mich auf dem Laufenden, und ich habe mich auch immer selber journalistisch in die Debatte eingemischt.»

Journalist und Schriftsteller
Diese Doppelfunktion – als Journalist und Schriftsteller – sei typisch für Länder der Dritten Welt, sagt Wali und nennt als Beispiel Gabriel García Márquez. Den Beruf des Journalisten liebe er, ­allerdings konzentriere er sich in letzter Zeit vermehrt auf Reiseberichte und Kolumnen. Seinen Roman «Bagdad Marlboro» sieht er in der Tradition von Remarques «Im Westen nichts Neues». In Deutschland traf Wali viele, die wie er aus dem Irak geflüchtet sind, Verwandte und Freunde. «Diese Menschen erzählen Geschichten.» Und für Geschichten und Informationen besitze er ein «furchtbar gutes Gedächtnis», sagt Wali – er bestätigt es im Verlauf des Gesprächs immer wieder mit genauen Jahreszahlen und Verweisen – und fügt sein Credo an: «Was das Gedächtnis nicht aufbewahrt, taugt auch nicht zum Erzählen. Ich mache mir selten Notizen, und wenn ich welche mache, vergesse ich sie während des Schreibens wieder. Beim Schreiben werden die Bilder und Geschichten, die ich gehört habe, wieder lebendig.»

Wali liebt Einschübe und Rückblenden, die erste Rückblende gleich zu Beginn des Romans erstreckt sich auf über hundert ­Seiten. Ein typisches Stilmittel der orientalischen Literatur? «Jein. Ineinander verwobene, verschachtelte Geschichten sind typisch für mich», stellt Wali klar. Man finde dieses Stilmittel der Verschachtelung zwar auch in den «Erzählungen aus 1001 Nacht». Doch bei ihm sei die Struktur kreisförmig, sie führe wieder an den Anfang zurück. «Es gibt keine Figuren, die nur der Ausschmückung der Handlung dienen», führt Wali aus. «Alle kommen irgendwann, vielleicht zwei-, dreihundert Seiten später, wieder. Ich lasse keine Figur im Stich.» Dafür sorge sein Gedächtnis.

Die Grossmutter als Vorbild
Das Erzählen aus der Erinnerung ist genauso ein Kennzeichen der oralen Literatur wie der Umstand, dass ein und dasselbe mehrfach aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt wird.

Wali hat dieses Verfahren bei seiner Grossmutter kennen gelernt: «Sie konnte mir heute eine Geschichte erzählen und morgen nochmals dieselbe in einer neuen Version. Aber die Message war dieselbe.» Er werde nie vergessen, wie sie, die Bäckerin gewesen sei, den Teig hergestellt und dabei Geschichten erzählt habe. «Wie das Brot dann am besten wird, wenn der Teig durch und durch geknetet worden ist, so müssen auch die Geschichten geknetet werden, Wort für Wort, Satz für Satz.»

Die erste Lesung in Bagdad
Nicht nur im Westen ist Najem Walis Roman gut aufgenommen worden, auch im Irak. Zumindest beim Publikum. Die «alte Garde» in der Presse, die ehemaligen Funktionäre der irakischen Baath-Partei, hätten ihn angegriffen, weil der Roman die Schuld nicht einseitig den Amerikanern anlaste. Inzwischen hat Wali in Bagdad seine erste Lesung abgehalten, im März 2014 vor etwa hundert Zuhörern auf einem Platz nahe der Mutanabbi-Strasse, wo seit alters her viele Buchhandlungen zu Hause sind – auch heute noch, trotz eines Bombenanschlags vor acht Jahren.

Im Herbst erscheint im Hanser-Verlag von Najem Wali das erzählende Sachbuch «Bagdad. Erinnerungen an eine Weltstadt», eine Art Biografie der Stadt. Und einen neuen Roman hat Najem Wali auch bereits in Arbeit. Aber davon möchte er lieber noch nichts erzählen, auch engsten Vertrauten wie seiner Partnerin nicht, da ist er abergläubisch: «Wenn ich das tun würde, könnte ich das Buch nicht mehr schreiben.»
Helmut Dworschak, 8. März 2015, Der Landbote

Najem Wali: Bagdad Marlboro. Roman. Aus dem Arabischen 
von Hartmut Fähndrich. Hanser-Verlag, München 2014. 350 S. – Lesung und Gespräch 
mit Martin Ebel, «Tages-Anzeiger»: Dienstag, 17. März, 19.30 Uhr, 
Villa Sträuli, Museumstrasse 60.

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