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Balkanroute – Schlagader der Zivilisation

Im Sommer 2015 kamen hunderttausende Flüchtlinge über die Balkanroute nach Deutschland. Der Weg vom Nahen Osten nach Europa wurde zum Sinnbild für die Not von Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen. Najem Wali hat ein Buch über die Balkanroute geschrieben. Der gebürtige Iraker kam einst selbst auf diesem Weg nach Deutschland.
Eine Buchbesprechung von Marc Engelhardt

Eins stellt der in Basra geborene Najem Wali gleich zu Beginn dieses schmalen Buchs klar: Seine Flucht aus dem Irak vor mittlerweile 37 Jahren lässt sich nicht vergleichen mit den Strapazen derjenigen, die sich im Sommer 2015 auf den Weg nach Deutschland machten.

Wali reiste mit gefälschten Papieren, mit dem Zug von Istanbul über Sofia, Belgrad, Budapest und Prag nach Berlin, ohne Schleuser. Vergleichsweise komfortabel nennt er seine eigene Flucht. Vielleicht deshalb zwangen ihn die Fernsehbilder vor zwei Jahren geradezu, auf die Balkanroute zurückzukehren. „Mit einem Mal war mir klar, dass ich diese Reise unternehmen musste, die ich, ich weiß nicht wie viele Male schon, hatte in Angriff nehmen wollen. Ich musste die Sache mit eigenen Augen sehen, denn ich hatte genug von den Nachrichten und Sondersendungen auf allen Fernsehkanälen, die immerzu Bilder von verlorenen Gestalten aus dem Lager Idomeni und vor der abgeriegelten Grenze zu Mazedonien brachten oder aber von den Leichen der im Meer Ertrunkenen. Ich wollte reale Menschen sehen.“ 

Glaubhafte Selbstspiegelung
Wali beschreibt die Emotionen, die ihn zurück auf die Balkanroute trieben. Der Überdruss des ehemaligen Flüchtlings, der sich in der Wohlstandsblase eingerichtet hat und von sich sagt, wir tafeln bis zur Übersättigung, trinken bis zum Rausch, schwadronieren über nichtige Probleme, während Millionen Menschen hilfesuchend an unsere Tür klopfen. Als Anklage wäre das vielleicht eine Plattitüde, als Selbstspiegelung ist es glaubhaft.
Der Leser ist bereit, mit Wali auf die Balkanroute zu gehen, ist gespannt auf seine Beobachtungen. Doch dann – muss er sich gedulden, 118 Seiten lang, Fotos in der Buchmitte nicht mitgezählt. Denn Walis Reise beginnt im Kopf, und zwar vor viertausend Jahren: Mit der Flucht Abrahams, des Propheten und religiösen Stammvaters, der im Koran ebenso prominent auftaucht wie in der Bibel oder der Thora.

„Die Biografie dieser historischen Ausnahmepersönlichkeit liegt für uns heute weitestgehend im Nebel der Ungewissheit verborgen. Der einzig sichere Umstand jedoch, den alle Erzählungen und Mythen der verschiedenen Religionen überliefern und über den allgemeiner Konsens herrscht, ist die berühmte Auswanderung. […] Abrahams Geschichte wirkt wie ein Muster für die folgenden Jahrtausende, geprägt durch die Gezeiten von Zu­ und Wegzug, durch Flucht und Bewegung. Flucht als Synonym für die eigene Rettung vor natürlichen oder gesellschaftlichen Bedrohungen, vor Hungersnot, Krieg oder Verfolgung durch einen despotischen Herrscher, Flucht als lebensrettende letzte Ratio. Und gleichzeitig alles, was sich damit an Bedeutungen assoziieren lässt: Weggehen und Heimkehr, Abbrechen und Aufbauen, Zurücklassen und Mitsichtragen. All diese Motive, ihre Antriebe und ihre Konsequenzen scheinen in dieser Urszene der menschlichen Zivilisation auf und werden uns auf der Balkanroute und in ihrer Geschichte immer wieder begegnen.“

Bindeglied zwischen Ost und West
Walis Buch trägt den Titel „Die Balkanroute“, doch es hat auch einen Untertitel: „Fluch und Segen der Jahrtausende“. Und durch die nimmt Wali seine Leser mit, von Abraham zu den Vorsokratikern in Milet, in das Babylon Nebukadnezars und die Sagenwelt des Gilgamesch-Epos. Geschickt zeigt der Autor, dass der Balkan seit jeher ein Bindeglied zwischen Ost und West war und die seit Jahrtausenden währende Migration eine treibende Kraft der Veränderung, ein Keim der Zivilisation.

„Es ist wohl kein Zufall, dass die milesische Dynamik von Handel, Expansion, Migration und kulturellem Austausch auch in den Anschauungsarten der ionischen Philosophie ihren Niederschlag gefunden hat. Vielen ihrer Gedanken haftet etwas Fluides, Bewegliches an, seien dies die zirkulierenden Urstoffe, sich formierende Atome oder umherschwirrende Samen. Es wirkt, als habe der Reichtum der menschlichen Zirkulation diese Geburtsstätte des rationalen Denkens in allen Facetten geprägt. Und formulierte nicht der hier bislang unerwähnt gebliebene ionische Denker Heraklit das für die folgenden Jahrtausende gültige Motto der Balkanroute: ‚Alles fließt’?“

Walis Zeitreise auf der Balkanroute führt zu den Eroberungen Alexanders, den Kreuzzügen und der islamischen Weltfahrt des Ibn Battuta und endet schließlich im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als der nahe Osten Künstlern aus dem Abendland noch als Inspiration diente: dem amerikanischen Dichter John dos Passos etwa oder dem Dänen Hans-Christian Andersen, in dessen späten Märchen Wali die schöpferische Kraft aus tausendundeiner Nacht zu entdecken glaubt.

Bittere Pointe
Längst hat Wali den Leser hier schon von der zivilisatorischen Bedeutung der Balkanroute überzeugt. Es ist diese Erkenntnis, die den dramatischen Kulturbruch der Gegenwart so deutlich macht. Auf einmal steht Wali in den Flüchtlingslagern von Idomeni, wo im Sommer 2015 Tausende unter ärmlichsten Bedingungen ausharrten, weil die Balkanroute geschlossen worden war – und mit ihr die Zivilisation, wie wir sie kennen.

„Was habe ich entdeckt? Dass die einzige Frau, die die Herzen aller Kinder hier erobert hat, Angela Merkel ist, eine über Sechzigjährige ohne eigene Kinder; eine Frau, die die Kinder ihren leiblichen Müttern abspenstig macht und sie dazu bringt, nur noch von einer einzigen Mutter zu träumen, von ‚Mama Merkel‘. Sie verlieren aus dem Blick, dass die Mutter, die stundenlang im Freien ansteht, von acht Uhr morgens bis elf Uhr am Mittag, nur um eine Nummer zu ziehen, die ihnen erlaubt, sich in dem von den Spaniern errichteten Zelt zu waschen, und ihnen hinterher neue, saubere Sachen anzieht, dass diese Mutter traurig und bekümmert ist, krank und entkräftet.“

Die kurzen Essays, die Wali von seiner eigenen Reise auf der Balkanroute nachschiebt, sind die bittere Pointe des Buchs. Dass der Ex-Flüchtling Wali hier als Deutscher gilt, die von ihm aufgedeckte Menschenfeindlichkeit der Schleuser, die Hilflosigkeit der Helfer – all das wäre nur halb so spannend ohne den Breitwand-Blick durch die Zeit, den Wali vorher ermöglicht hat.

Im Vergleich mit vier Jahrtausenden Hochkultur wirkt die Entscheidung Europas, die Balkanroute für Migranten zu schließen, nicht nur schäbig – sondern im historischen Maßstab geradezu selbstzerstörerisch.

Najem Wali: „Die Balkanroute. Fluch und Segen der Jahrtausende“
Verlag Matthes & Seitz, 175 Seiten, 15 Euro.