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„Wir haben einen langen Kampf vor uns“

Die DW traf Najem Wali beim Literaturfest München, wo er über die Verantwortung Intellektueller in Terrorzeiten und seine Liebe zu Bagdad sprach.

DW: Waren die Pariser Anschläge ein Angriff auf unsere europäischen, auf westliche Werte?
Najem Wali: Nein, das waren Terrorakte gegen die Menschheit, gegen allgemein menschliche Werte.

Wie können gemäßigte Kräfte im arabischen Raum mit Zukunftsvorstellungen, die nichts mit Kämpfen zu tun haben, gestärkt werden?
Das ist Aufgabe der Intellektuellen in der arabischen Region. Wir haben eine aufklärerische Aufgabe. Und diese aufklärerische Aufgabe müssen wir leisten. Es ist allerdings schwierig, in den Medien der arabischen Welt etwas zu veröffentlichen, denn diese Medien sind von den Petro-Dollar kontrolliert. Ich kann bis auf vielleicht ein, zwei Ausnahmen in keiner arabischen Zeitung Saudi-Arabien oder Katar kritisieren. Alle Fernsehkanäle und alle Zeitungen sind in den Händen dieser beiden Ländern. Aber ich gebe nicht auf – ich publiziere im Internet, und es wird gelesen, viele junge Leute teilen das Interesse an einer Entwicklung. Wir haben einen langen Kampf vor uns.

Was ist von den Zielen, für die die jungen Generation vor vier Jahren auf die Straße ging, noch übrig geblieben? Die Revolution ist ausgeraubt worden, ausgeraubt von Saudi-Arabien. Die Revolution hat spontan in Tunesien angefangen, die Menschen sind auf die Straße gegangen. Aber Saudi-Arabien und die Golfstaaten haben aufgepasst, denn sie hätte sich weiter ausbreiten können. Als die jungen Leute in Ägypten auf dem Tarhir-Platz demonstrierten, gab es auf einmal eine Invasion der Moslembrüder, die am Anfang von Saudi-Arabien und Katar finanziert wurden. Ärzte mit Bärten, die Wasserflaschen und gratis Essen verteilten. Sie haben die Revolution umgedreht.

Die jungen Menschen, die in Tunesien und Ägypten auf die Straße gegangen waren, hatten sich keine Ideologie auf die Fahne geschrieben. Ihnen ging es um ihre Würde, neue Perspektiven, Freiheit und Menschenrechte. Die Religion und auch den Konflikt mit Israel haben sie niemals ins Spiel gebracht. Die Jugend hat gefordert, was die Jugend eben interessiert. Und sie haben verlangt, dass die Korruption aufhört. Für die jungen Leute ist das ein verzweifelter Kampf, aber ich glaube nicht, dass sie aufgegeben haben. Egal, was passiert, wir werden eine neue Protestwelle erleben.

Bagdad – sprechen wir von der Stadt, mit der Sie Jahrzehnte lang gebrochen hatten. Jetzt haben Sie ihr ein Buch, ein Sachbuch gewidmet. „Bagdad. Erinnerungen an eine Weltstadt“ erschien im August 2015. Was hat Sie der irakischen Hauptstadt wieder so nahe gebracht?
Dieses Buch hat eine Geschichte. 2004, als ich zum ersten Mal nach 23 Jahren zurück in den Irak zu meinen Eltern gefahren bin, hat meine Mutter mir alte Postkarten gezeigt. Mein Vater hatte sie aus Bagdad geschickt, wo er gearbeitet hat. Ich habe mich an die Zeiten erinnert, als diese schönen Postkarten kamen und meine Mutter sie mir immer gezeigt hat. Im letzten Jahr fielen mir die Postkarten wieder ein und viele Daten, die mit ihnen verbunden waren – es war wie ein Film, der begann. Ich wollte auch den Menschen in Bagdad etwas Schönes zurückgeben. Die Leute in Bagdad lieben ihre Stadt. Jeden Tag explodiert irgendwo eine Autobombe, und trotzdem hängen die Menschen an dieser Stadt. Wie auch ich an ihr als meiner ersten Liebe hing. Ich wollte zeigen, wie die Stadt war. Bagdad ist ein Sehnsuchtsort, selbst für Menschen im Westen.

Für Ihren 2014 erschienen Roman „Bagdad Marlboro. Roman für Bradley Manning“ erhielten Sie den Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch. Können Sie uns den Titel erklären?
„Bagdad“ und „Marlboro“ sind zwei Zigarettenmarken. Das Buch handelt von einem amerikanischen Kriegsgefangenen und seinem irakischen Bewacher. Die beiden Soldaten sind nachts allein in der Wüste. Der Iraker ist zufällig ein Dichter, und sie zitieren gemeinsam den US-amerikanischen Dichter Walt Whitman, der eine auf Englisch, der andere auf Arabisch. So verbringen sie die Zeit und denken dabei niemals an Krieg und Feindschaft. Und sie haben Zigaretten ausgetauscht, der Amerikaner hatte „Marlboro“ und der Iraker „Bagdad“. Wenn man allein in der Wüste ist, dann vergisst man den Krieg, dann denkt man nur an sein Leben, das wollte ich zeigen.
Irak Autobombenanschlag in Bagdad
Autobombenanschlag in Bagdad

In Bagdad sterben täglich Dutzende, manchmal über hundert Menschen durch Bombenterror, was hierzulande kaum noch Beachtung findet. Der syrische Dichter Adonis warf in seiner Eröffnungsrede beim Münchner Literaturfest Europa eine menschenverachtende Haltung vor, sofern es nicht um Mitbürger aus den eigenen Ländern ginge. Empfinden Sie das auch so?
Diese Haltung teile ich. Vielleicht haben die Attentate von Paris den Europäern jetzt die Augen geöffnet. Es ist Zeit zu erkennen, dass der Terrorismus uns alle angeht. Und wenn wir das erreichen, wenn wir alle Opfer des Terrorismus auf der ganzen Welt betrauern, nicht nur die vor der eigenen Haustür, dann werden wir es schaffen, den Terrorismus abzuschaffen.

Sie haben sich deutlich gegen die Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Preises – einem Preis für Frieden und Demokratie – an Adonis ausgesprochen. Was sind Ihre Gründe – er gilt schließlich als berühmtester Dichter der arabischen Sprache?
Adonis hat zwei Gesichter: eines, mit dem er ein Loblied auf den Westen singt, und ein anderes, mit dem er in der arabischen Presse eben diesen Westen verteufelt. 1979 hat er ein Gedicht geschrieben: „Gegrüßt sei die iranische Revolution!“ Das heißt, er verstand die Revolution als Reaktion gegen die Arroganz des Westens. In diesem Gedicht sagt er wortwörtlich: „Das Volk vom Iran sagt dem Westen: dein Gesicht, oh Westen, ist gestorben.“ Das heißt, er war Teil der anti-westlichen Kampagne.

Das ist 36 Jahre her. Hat er sich davon nie distanziert?
Das war keine Jugendsünde. Adonis war damals 49 Jahre alt. In seiner Jugend war er Mitglied in einer semi-faschistischen Partei, der Syrischen Sozial-Nationalistischen Partei. Noch am 7. Dezember 2013 sagte er in einem Interview mit der libanesischen Zeitschrift „An-Nahar“, er sei stolz, Angehöriger dieser Partei gewesen zu sein, deren Logo dem Hakenkreuz ähnelt.
Arabischer Dichter Adonis Lyriker Ali Ahmad Said Esber
Der arabische Dichter Adonis

1983 hat er mit seiner Frau ein Buch über Scheich Muhammad ibn Abd al-Wahab (1703–1792, Anm. d. Red.), den Begründer des Wahabismus, der Ideologie des Staates Saudi-Arabien, und Vater aller Salafisten, veröffentlicht. Er hat ihn als Erneuerer, als Reformer dargestellt. Das ist Betrug.

Heute ist Adonis weder Khomeini-Anhänger noch Salafist. Aber er hat nie erklärt, warum er das gemacht hat. Adonis hat sich auch nie in der Reformbewegung engagiert und sich nie für einen eingekerkerten Autor eingesetzt. Auch nicht für Rushdie. Wir als Intellektuelle sprechen uns für die Trennung von Religion und Staat aus: Dann müssen wir auch so handeln.

Der Erich-Maria-Remarque-Preis ist ein politischer Preis. Was hat Adonis gemeinsam mit Erich Maria Remarque? Das ist für mich unglaublich. Die Nazis haben Remarque 1938 ausgebürgert. Osnabrück bürgert ihn mit dieser Verleihung posthum noch einmal aus.

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