Im Zentrum der Handlung steht die Beziehung zwischen Salih, der neunzehnjährigen Majda und dem herrschsüchtigen Isam Mahud. Diese Dreieckskonstellation ist nicht nur emotional aufgeladen, sondern auch politisch aufschlussreich: Liebe erscheint nie als geschützter privater Raum, sondern stets als etwas, das von Angst, Kontrolle und Macht durchdrungen ist. Gerade darin liegt die Wucht des Romans: Er zeigt, wie tief Herrschaft in das Intimste hineinreicht.

Wali interessiert sich dabei weniger für den offenen, spektakulären Terror als für seine alltäglichen Formen. Er beschreibt Denunziation unter Nachbarn, Selbstzensur im Gespräch und die feinen Mechanismen eines Lebens unter ständiger Beobachtung. So entsteht das Bild einer Gesellschaft, in der Menschen lernen, in Andeutungen zu sprechen und Wesentliches zu verschweigen.

Ort der Erinnerung und Hoffnung

Besonders eindringlich ist die Atmosphäre des Romans. Kumait erscheint zunächst als Ort der Erinnerung und Hoffnung, geprägt von Salihs Kindheitserinnerungen an seine Großmutter Matinrad. Doch nach und nach entlarvt Wali diesen Ort als eine Art Mini-Polizeistaat, in dem jede Idylle zerfällt. Genau dieser Kontrast macht den Roman so stark: Selbst Familie, Provinz und Rückzug bleiben nicht verschont, sondern sind längst von politischer Gewalt erfasst.

Auch literaturgeschichtlich ist das Buch bemerkenswert. Wali schrieb den Roman bereits zwischen 1987 und 1989, auf Arabisch erschien er jedoch erst 1997, weil sich lange kein Verlag für den brisanten Stoff fand. Besonders provokant war, dass der Roman Beschneidung als Form von Folter benennt und damit ein tiefes kulturelles Tabu angreift.

Darin zeigt sich eine zentrale Stärke von Walis Schreiben: Er richtet den Blick nicht nur auf sichtbare politische Gewalt, sondern auch auf körperliche und kulturelle Verletzungen, die Gesellschaften als normal hinnehmen. „Ein Ort namens Kumait“ ist deshalb mehr als ein Exil- oder Zeitroman. Es ist ein eindringliches Buch über die Verwundung des Menschen durch Macht, Konvention und Angst.

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