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Überleben in Bagdad: Große Furcht vor den Gotteskriegern

Der irakisch-deutsche Schriftsteller Najem Wali sorgt sich um seine Schwester, die in Bagdad lebt. Für SPIEGEL ONLINE beschreibt er den Überlebenskampf eines Volkes, das schutzlos den Gotteskriegern ausgeliefert ist.
13. Juni 2014

Bei meinem letzten Besuch im Irak, im März 2014, war meine Schwester traurig und auch ein wenig sauer auf mich, weil ich, statt bei ihr zu wohnen, das in der Innenstadt liegende Hotel Bagdad auswählte. Nur mit Mühe konnte ich sie überreden, meine Lesung am al-Kischla in der Mutanabbi-Straße zu besuchen, der Buchhandelsstraße, einer der ältesten Straßen Bagdads.

Meine Schwester wohnt in der Peripherie von Bagdad in der Nähe des Internationalen Flughafens im Nordwesten der Stadt, und die Fahrt von ihrem Haus bis zum Zentrum dauert mit dem Auto zwischen einer bis zu zwei Stunden. Am Ende kam sie dann doch rechtzeitig mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen. Sie war zwar froh, mich zu sehen, aber bis zu unserem Abschied enttäuscht, weil ich sie nicht zu Hause besuchen konnte.

Ihr Beharren auf meinen Besuch hatte nicht nur mit den sozialen und familiären Traditionen unserer Gesellschaft zu tun, der Besuch des älteren Bruders, der im Ausland lebt, ist eine besondere Anerkennung, sondern es lag viel mehr daran, dass meine Schwester und ihr Mann, beide berufstätig, meine Schwester ist Gymnasiallehrerin, ihr Mann Aufseher bei der Schulbehörde, endlich ein neues Haus kaufen konnten.

Vertrieben erst von al-Qaida, jetzt von Isis

Die Familie war Anfang März gerade erst eingezogen, endlich, nachdem sie einige Jahre in einem viel zu kleinen Haus, etwa 50 Quadratmeter für die fünfköpfige Familie, gelebt hatten. Dieses kleine Haus hatten sie aber nicht freiwillig ausgesucht. Es war die einzige Möglichkeit in den Tagen des Bürgerkrieges zwischen 2006 und 2008 ein Dach über dem Kopf zu finden, nachdem Qaida-Kämpfer ihr ursprüngliches Haus besetzt und sie mit ihren Kindern hinausgeschmissen hatten. Von einer Nacht auf die andere, erzählte mir meine Schwester, mussten sie damals ihr Zuhause verlassen. Sie zeigte mir das alte Haus bei meinem Besuch 2011 aus der Ferne, das die al-Qaida Kämpfer bei ihrem Abzug als totale Ruine hinterließen. Keine Chance für irgendwen, da jemals wieder zu wohnen.

Seit ich die Nachrichten vom Vorrücken der Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (Isis) in Richtung Bagdad hörte, mache ich mir Sorgen und rief gestern meine Schwester an, um zu erfahren, wie es der Familie gehe. Sie sagte mir, sie seien beim Packen ihrer Koffer und bald auf dem Weg Richtung Süden.

Meine Schwester ist nicht die Einzige, die zwei Häuser innerhalb von zehn Jahren nach dem Einmarsch der Amerikaner verlieren könnte. Bis vor einigen Tage konnte keiner annehmen, dass die Isis-Extremisten Mossul, die zweitgrößte Stadt des Irak, einnehmen und anschließend über Tikrit nahezu ungehindert nach Süden, in Richtung Bagdad, marschieren würden. An dem Tag, an dem die WM in Brasilien beginnt, sind die Dschihadisten bis auf 90 Kilometer auf Bagdad vorgerückt. Vorgerückt? Sie stürmen vorwärts, marschieren mit rasendem Tempo, geordnet, erfolgreich, als hätten sie einen von langer Hand vorbereiteten Invasionsplan und wollten alle amerikanischen Einmärsche in der Region an Perfektion und Ergebnis in den Schatten stellen.

Ein Volk ohne Schutz

Mehr als 500 Milliarden Dollar machte der irakische Haushalt in den vergangenen zehn Jahren aus. Ein Großteil davon ging in die militärische Aufrüstung und den Aufbau der Armee des „neuen Irak“. Vergangene Woche wachten die Iraker auf und sahen mit verzweifelten Augen, wie trügerisch alles gewesen ist. Die Iraker haben weder ein Militär, das sie verteidigt, noch eine Polizei, die sie beschützt, und der Staat, der ihnen Sicherheit garantieren sollte, liefert sie den radikalislamischen Gotteskriegern ans Messer.

Als ob sich die Geschichte wiederholt. Genau vor elf Jahren und zwei Monaten war die Welt überrascht vom schnellen Zusammenbruch der Armee Saddam Husseins angesichts der amerikanischen Truppen und ihrer Alliierten. Bis zum 9. April 2003 zählte man die irakische Armee zu den stärksten und größten und erfahrensten Truppen unter den arabischen Streitkräften. Egal, was man über die Niederlage der damaligen Armee sagen kann, eines ist sicher: Die irakischen Soldaten waren nicht bereit, sich für die Verteidigung eines Diktators aufzuopfern, der sich nicht für ihr Schicksal interessiert hat und von dem sie sich ausgebeutet fühlten. Sie entschieden damals die Waffen niederzulegen vor einem Feind, der überlegen war in Zahl und Technologie.

Und heute? Das Gleiche passiert jetzt. Die sogenannte neue Armee, die die offizielle Propaganda gerne als große Armee preist, die ein modernes Waffenarsenal von Amerikanern und Russen besitzt, brach in einem Tag zusammen. Militärische Führer flohen und ließen ihre Soldaten im Stich, schneller als Saddams Soldaten ihrem Diktator den Rücken zuwandten.

Kopie einer alten Saddam-Rede?

Und genau wie Saddam in seinen letzten Tagen in einer Rede an die Iraker appellierte, Waffen zu tragen, um die Invasoren zurückzuschlagen, so erschien vergangenen Mittwoch Nuri al-Maliki im Kreise seiner engen Vertrauten und rief die Iraker auf, zu den Waffen zu greifen und gegen die Terroristen von Isis zu kämpfen. Man kann in solchen Momenten nicht anderes als sich fragen, ob seine Rede vielleicht eine Kopie der alten Saddam-Rede ist.

Es ist die Ironie der Geschichte, dass die Iraker noch einmal zwischen dem Amboss eines diktatorischen, korrupten Regimes, das sich in der grünen Zone verschanzt hat, und dem Hammer der islamistischen Isis-Brigaden wählen müssen.

Die Menschen haben Angst. Sie haben schon einen Bürgerkrieg erlebt, zwischen 2006 und 2008. Darum fliehen sie diesmal lieber zu früh als zu spät. Bis jetzt sind bereits mehr als 500.000 Menschen im Nordirak in Richtung der kurdischen Hauptstad Erbil auf der Flucht. Da interessiert es niemanden, dass die Mehrheit von ihnen Sunniten sind, in deren Namen die Gotteskrieger von Isis angeblich kämpfen. Das Gleiche passiert in Tikrit, Samara und Kirkuk. Die Menschen wollen keinen Bürgerkrieg.

Was Bagdad betrifft: Die ersten Fluchtwellen haben gestern begonnen. Meine Schwester wird sich mit ihrer Familie anschließen. Diesmal lassen sie ihr Haus und ihre Habe einfach zurück. Sie will nicht warten, bis wieder Kämpfer kommen und sie im Namen von irgendwem ein weiteres Mal aus ihrem Haus schmeißen und ihre mittlerweile fast erwachsenen Söhne in den Bürgerkrieg verwickelt werden.

„Was bedeutet schon unser Haus, wenn diese Isis wollen, dass die Menschen leben wie zu Zeiten des Propheten Mohammed. Draußen unter einem Zelt, ohne Strom und ohne Trinkwasser“, kommentierte meine Schwester nicht ohne ironisches Lachen.

Zumindest lacht sie, denke ich mir. Zumindest ist sie am Leben. Bis jetzt.

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