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Die Angst vor der Einsamkeit

Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben. 

Najem Wali über die „freie Zeit“ eines Schriftstellers
Erschienen in KULTURAUSTAUSCH, Zeitschrift für internationale Perspektiven,
Ausgabe IV/2009

Wer viel gearbeitet hat, fühlt sich danach oft leer. Warum es für Schriftsteller schwierig ist, ein Buch zu beenden

Hat ein Schriftsteller freie Zeit wie andere Leute? Ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn ich das verneine. Und ich beziehe mich dabei nicht nur auf die Phase, in der ein Schriftsteller ein Werk schafft. Alle, die schreiben, wissen, dass das Buch, an dem sie gerade arbeiten, sie Tag und Nacht verfolgt, sie gar in ihren Träumen heimsucht. Dessen sind sich selbst diejenigen bewusst, die täglich ein selbst vorgegebenes Pensum Schreibarbeit erledigen. Manche mögen zwar Strategien entwickelt haben, um dies zu vermeiden. Doch auch sie stellen fest, dass ihre Romanfiguren sie nach Ende der Arbeitszeit nicht loslassen. Dies kann man den Tagebuchaufzeichnungen etlicher Schriftsteller posthum entnehmen. Ihre Schöpfer beschweren sich keinesfalls darüber, sondern nehmen es gerne in Kauf, mehr noch: Sie wünschen sich gar nicht, ihre Arbeit zu beenden. Wer denkt, das läge daran, dass Schriftsteller nun mal gerne schreiben, irrt. Die Ursachen liegen viel tiefer. 

Ich glaube, es hat mit der Angst vor der Einsamkeit zu tun, für deren Bekämpfung man sogar den Verzicht auf freie Zeit hinnimmt. Es ist die Angst vor der Leere, die Angst, plötzlich allein zu sein, ohne Gesellschaft oder Freunde, die Angst, all das zu verlieren, was man in dieser Zeit gesammelt und für einen unvergänglichen Schatz gehalten hat. Wie lange hat man im stillen Kämmerlein zugebracht? Zwei Jahre? Drei? Wie viel Zeit ein Roman auch in Anspruch genommen hat und selbst wenn es den Anschein haben mag, der Schrifsteller werkele hinter verschlossenen Türen einsam an seinem Schreibtisch – diese Sitzungen sind in Wirklichkeit, auch das weiß jeder Schriftsteller, Versuche, neue Freundschaften zu schließen, neue Menschen kennenzulernen, neue Besucher zu empfangen. Darunter sind Alte und Junge, Schwarze und Weiße, Gelbe und Rote, Frauen und Männer, Tiere und Pflanzen, ganze Städte mit allem Drum und Dran, Wälder und Gärten, Flüsse und Berge, Täler und Ebenen, alles, was das Leben ausmacht, strömt ins Kämmerlein, egal, wie groß oder klein es ist. Entscheidend ist, dass sich hier, fernab des Lebens vor der Tür, etwas Eigenes abspielt. Das weiß ein Schrifsteller, noch bevor er sich zum Schreiben hinsetzt.

Dieses Gefühl gibt es auch unabhängig davon, welche Hilfsmittel man benutzt. Manche bringen ja noch heute ihre Ideen per Hand zu Papier. Vielleicht, weil sie es romantisch finden oder weil sie durch äußere Umstände gezwungen sind, keine anderen Hilfsmittel zu verwenden, oder weil es zu gefährlich ist, diese zu besitzen, wie zum Beispiel in Diktaturen, wo schon der Besitz einer Schreibmaschine zum Verhängnis werden kann. Heute arbeiten natürlich die meisten am Computer. Da sitzen sie dann und starren in die Tiefen des Monitors. Jedes Wort ist der Beginn einer neuen Freundschaft, deren Dauer noch unbekannt ist. Mit der Zeit weiß man jeden Morgen, dass man sich nun aus freien Stücken in die Höhle des Löwen begeben wird, wo man kurz darauf mit den Worten und mit sich selbst ringen wird. Anfangs muss man sich zwingen, das Gefühl der Einsamkeit zu ignorieren, aber nach ein paar Stunden ist das alles vergessen. Es ist seltsam, dass es einen dann gerade am Ende so trifft, denn das Gefühl ist nicht neu, es kommt jeden Tag wieder auf leisen Pfoten sanft heran. Doch hat man ja gewusst, dass die Leere vorübergehend war, eine kurze Pause auf dem Weg. Natürlich fühlte man sich einsam nach den täglichen sechs, sieben, acht Stunden Arbeit, nach ein paar kleinen Fortschritten in der Geschichte, die man unbedingt erzählen wollte, und hatte nur notgedrungen, aus Ermüdung und Schwäche, innegehalten. Doch man wusste: Am nächsten Tag würde die Reise ins Unbekannte weitergehen. Erst wenn das Buch abgeschlossen, der letzte Satz niedergeschrieben, der letzte Punkt gesetzt ist, überfällt einen das gewaltige Gefühl von Einsamkeit, eine Traurigkeit macht sich breit, die von nun an in jedem Schritt mitschwingen wird.

Früher pflegten Autoren ihre Werke mit dem Wort „Ende“ abzuschließen. Vielleicht wollten sie sich damit selbst das Gefühl geben, etwas vollendet zu haben, um es dann besser vergessen zu können. Aber war mit diesem „Ende“ wirklich alles beendet? Oder war es lediglich ein schöner, aber wirkungsloser Selbstbetrug?

Zwei Jahre und neun Monate habe ich an meinem Roman „Malaika, Engel des Südens“ gearbeitet. Am Ende hatte ich 480 Seiten zu Papier gebracht. Als ich die Blätter übereinanderschichtete, stellte ich fest, dass ich es dem Protagonisten des Romans gleichtat, der 193 Goldstücke vor sich auf dem Tisch aufgehäuft hatte: 193 Entwürfe des Romans, jedes Stück ein eigener Plan. Er hatte sie zusammengepackt, unter den Arm geklemmt und war aus seiner Kammer unter dem Dach ins Wohnzimmer hinuntergegangen, wo er die Blätter auf den Tisch legte, vor seine Familie, die dort beim Frühstück saß. Bis zu jenem Morgen hatte der Ich-Erzähler geglaubt, dass er sich endlich all das von der Seele geschrieben hätte, was mehr als 35 Jahre schwer auf ihm gelastet hatte, seitdem ihm der Goldziseleur Nur Scheikh Jahia (oder, wie ihn die Einwohner seiner Heimatstadt Amaria nannten: Malak, der Engel) und Malaika Gabbay (oder, wie es auf einem Bild von ihr auf einer Dose graviert war: Malaika, Engel des Südens) eingeprägt hatten: „Niemand außer dir kann diese Geschichte erzählen.“

Und nun hatte er es endlich getan, nach über einem Vierteljahrhundert, zurück in seiner Heimatstadt Amaria. An jenem Morgen ahnte der Erzähler noch nicht, dass er fortan eine gewaltige Leere empfinden würde, doch es sollte nicht lange dauern, bis diese Enttäuschung aufkam. Was er vollendet hatte, tröstete ihn nicht, und was ihn draußen, außerhalb des Zimmers, in dem er sich über zwei Jahre verschanzt hatte, erwartete, war anders, als er gedacht hätte: Die Erzählung ließ ihn nun nicht mehr los!

Wenn mein Protagonist schon nicht seine Leistung gebührend feiern konnte, dachte ich, muss ich es wohl für ihn tun. Ich ahnte nicht, dass es mir ergehen sollte wie ihm! Am 8. August 2008 begab ich mich, kaum hatte ich den Roman vollendet, in den Supermarkt und erstand eine Flasche Sekt. Doch als ich diese am Abend aus dem Kühlschrank holen wollte, zögerte ich, sie zu öffnen. Ich stellte sie wieder zurück und machte mich zu einem Spaziergang am Ufer des in der Nähe meiner Wohnung in Berlin gelegenen Landwehrkanals auf. Ich weiß nicht, wie lange ich unterwegs war, als mich eine Stimme sanft aus meiner Benommenheit holte. Es war eine gute Freundin. Sie grüßte mich, fügte aber gleich die Frage an: „Was ist denn mit dir los? Hast du einen nahen Angehörigen verloren?“ Ich erschrak und verneinte dies mit einem schwachen Lächeln, das aber meine Freundin offensichtlich nicht überzeugte. Sie hakte nach: „Du siehst blass aus, bist in Gedanken ganz woanders – da stimmt doch was nicht!“ War es das Gefühl der Einsamkeit, der Abschied von all den Personen, die mich so lange begleitet hatten, was mich trauern ließ? Sicher eine ganz andere Art von Trauer, als man sie üblicherweise kennt, der Grund dafür war viel diffuser, aber es war doch klar erkennbar Trauer, wie beim Verlust lieb gewordener Menschen oder am Ende einer großen Liebe.

An jenem Abend ertappte ich mich dabei, es meinem Protagonisten nachzutun. Harun, der Erzähler, war an dem Tag, an dem er die Geschichte vollendet hatte, auf den Englischen Friedhof von Amaria gegangen. Er hatte vorgehabt, sich ins Gras zu setzen und an seine Kindheit zu denken. Er hatte nicht geahnt, dass er seine Geschichte drei zufällig dort angetroffenen Männern erzählen würde. Und so setzte auch ich mich, statt weiterzugehen und beim Spaziergang meine erste freie Zeit seit Langem zu genießen, ans Ufer und erzählte der Freundin die ganze Geschichte, die ich gerade erst abgeschlossen hatte, erneut. Ich weiß nicht, wie lange wir dagesessen hatten, als sie sagte, sie fände die Geschichte sehr schön und würde sie gerne bis zu Ende hören, doch sie müsse los, einkaufen, um es noch vor Ladenschluss zu schaffen. Auf einmal hatte auch ich es eilig, nach Hause zu kommen, denn mir war beim Erzählen aufgefallen, dass es noch etwas hinzuzufügen gab.

Seither sage ich mir immer wieder, dass es an der Zeit sei, ein neues Buch in Angriff zu nehmen, aber jedes Mal stürze ich mich in neue Ausflüchte, unternehme Spaziergänge, kaufe Bücher oder Platten oder gehe in Kinos, in denen ich noch nie war. Und eins ist mir dieses Mal klarer geworden als je zuvor: Je länger der Roman ist, je mehr er von Gestalten und Ereignissen wimmelt, umso größer auch die Leere, die seine Vollendung hinterlässt. Womöglich übersteigt die Leere gar den Umfang des Romans um ein Vielfaches. Vielleicht fliehe ich davor, immer weitere Ergänzungen hinzuzufügen. Wie oft habe ich selbst in den wenigen romantischen Augenblicken der Liebe daran gedacht, zum Schreibtisch zu gehen, weil mich eine der Figuren rief!

Aber geht es uns nicht am Ende einer großen Liebe genauso? Tun wir dann nicht auch Dinge, die wir uns nie hätten träumen lassen? Denken wir dann nicht auch, dass, wie viel wir auch immer in den letzten Tagen der Trennung diskutiert und geredet haben mögen, etwas ungesagt geblieben ist, das letzte Wort in der Stunde des Abschieds? Ist es nicht ganz genauso in den Momenten der Trennung, wenn ein Liebespaar zum letzten Mal beieinanderliegt und beide wissen, dass sie bald für immer auseinandergehen werden? Bereuen sie es dann nicht hinterher, dass dieser Augenblick, der eigentlich für die Ewigkeit gemacht sein sollte, sich verloren hat in Vorwürfen, letzten Worten und dem Versuch, eine Geschichte neu zu schreiben, für die es kein Zurück mehr gibt? Was macht der Liebende, wenn er diese Leere verspürt, spürt, dass die Welt, die er mühevoll Augenblick um Augenblick aufgebaut hat, für immer dahin ist? Ich glaube: Er wird sich, wie ich, in Beschäftigungen stürzen, wird hinausgehen in die Welt mit einem, wie er glaubt, neuen Gesicht, wird wie ein verlorener Pilger umherirren, bis eine Freundin oder ein Freund kommt und ihn, vielleicht am Ufer eines Kanals, mit der Frage innehalten lässt, was los sei. Dann wird er feststellen, dass er noch viel Neues vorhat, und er wird sich vielleicht dann auch sagen, dass es nun an der Zeit sei, seine freie Zeit zu genießen, bevor er sich in die nächste Geschichte stürzt.

Aus dem Arabischen von Nicola Abbas