27. November 2021

“Soad und das Militär”
Lesung und Gespräch mit Najem Wali
Foto: Mathias Bothor

Sie war ein Kind des Volkes, die legendäre Sängerin und Schauspielerin Soad Hosny (1943–2001), von den Menschen Ägyptens geliebt und verehrt. Doch auf ihrer scheinbar glänzenden Karriere liegt ein dunkler Schatten. Hat das Militär ihr Leben gesteuert und zerstört? Trieb sie der ägyptische Geheimdienst in den Tod oder war es ihre Depression?
2014, viele Jahre später, erzählt der Amerikaner Simon Syros in Kairo einem alten Freund die Geschichte von Soad, seiner einstigen Geliebten, und den geheimen Aufzeichnungen, die sie hinterlassen hat. Es wird klar: Er will Rache.

27. November 2021, 19:00 – 21:30 Uhr

Moderation: Sabine Peschel
Einlass: 18:30 Uhr, Programmbeginn: 19:00 Uhr
Wo: Ulme35 (Ulmenallee 35, 14050 Berlin/Westend)
Kostenlose Anmeldung: hier klicken

Corona-Hinweis: Es gilt die 3G-Regel.

13. Europäische Literaturtage

18. November 2021
Eröffnung der 13. Europäischen Literaturtage

Reiserouten. Unterwegs, um frei zu sein?
Eröffnungsvortrag „Entlang der Balkanroute“ von Najem Wali (Berlin)
Anschließend Cathrin Kahlweit (Süddeutsche Zeitung) im Gespräch mit Najem Wali

Vom Aufbrechen und Ankommen – wie schmuggelt man Träume? Ist Reisen nur eine andere Form von Flucht? Eine Bewegung, die wir unternehmen, um Kenntnisse, Reichtümer und Menschen zu gewinnen? Sicher ist, dass die sogenannte Balkanroute eine Zweibahnstraße ist: ein Weg für Austausch und Begegnung.

Wann: 18. November 2021
Wo: Klangraum Krems Minoritenkirche
Minoritenplatz 4, 3500 Krems a. d. Donau um 19:30 Uhr

„Soad und das Militär“

Der Geheimdienst als Künstleragentur
Najem Wali erzählt in seinem neuen Roman „Soad und das Militär“, wie ein Mensch systematisch fremdbestimmt wird.

Buchbesprechung von Beat Mazenauer bei literaturkritik.de

Die Menschen in Ägypten wissen aus langjähriger Erfahrung, dass die Machthaber ihnen misstrauen und sie deshalb von Geheimdiensten überwacht werden. Davor sind auch Berühmtheiten nicht gefeit, ganz im Gegenteil, wie Najem Wali erzählt. Auf verschlungenen Wegen kreuz und quer durch die Innenbezirke Kairos führt sein Ich-Erzähler hinein in eine Geschichte, in der die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit, Öffentlichkeit und Geheimnistuerei verschwimmen.

Auf dem nächtlichen Weg zurück ins Hotel wird er von einem Fremden verfolgt. Er befürchtet schon das Schlimmste, als sich der mysteriöse Verfolger als sein alter Freund Simon Syros entpuppt. Sichtlich um Unauffälligkeit bemüht, überreicht ihm dieser ein sorgfältig verschnürtes Päckchen mit elf Heften. Darin findet der Erzähler die Geschichte von Simon und dessen Geliebter Soad aufgezeichnet, der legendären Sängerin und Schauspielerin, deren anscheinend glänzende Karriere unter einem dunklen Stern stand. Soad war noch keine neun Jahre alt, als das Militär im Sommer 1952 gegen König Faruk I. putschte und formell eine Republik ausrief, die unter Gamal Abdel Nasser militaristische Züge annahm. Das Lied Gott erhalte deine Armee, mein geliebtes Ägypten sollte zum Jubelgesang auf die neue Zeit werden – gesungen von einem „Goldkind“ aus dem Volk: Soad. Für sie aber sollte die Liedzeile „Die Armee ist es, die uns schützt“ zum Fluch werden und zu Lebzeiten „wie ein Alptraum auf ihr lasten“.

Open Books – Lesefest zur Frankfurter Buchmesse

SOAD UND DAS MILITÄR, der neue Roman von Najem Wali wird am 20. Oktober 2021 um 16 Uhr bei OPEN BOOKS vorgestellt!

Ein Mann begegnet in Kairo einem alten Freund, dem Amerikaner Simon Syros. Drei Jahre nach den Protesten auf dem Tahrir-Platz und dreizehn nach ihrer letzten Begegnung erzählt Simon dem Freund von seiner großen Liebe zu Soad, einer berühmten ägyptischen Schauspielerin und Sängerin, mit der er in London zusammenlebte, seiner gefährlichen Freundschaft zu einem Geheimdienstoffizier und vom Versuch, Soad aus den Fängen des Militärs zu retten. Elf Hefte hat die Geliebte zurückgelassen, als sie in London aus dem sechsten Stock in den Tod gestürzt war. War es der ägyptische Geheimdienst, war es Soads Depression? Das Gerücht sagt, sie habe in ihren Memoiren mit dem Militär abgerechnet. Simon übergibt dem Erzähler die elf Hefte, und es wird klar, warum er nach Kairo zurückgekehrt ist.

OPEN BOOKS – Lesefest zur Frankfurter Buchmesse
Wann: 20. Oktober 2021, 16.00 Uhr
Wo: Evangelische Akademie Frankfurt
Römerberg 9, 60311 Frankfurt am Main

Katz und Maus spielen mit der Zensur

Seine Bücher bringen ihm Drohungen ein, Verleger in Schwierigkeiten und landen auf dem Index. Wie Najem Walis neuer Roman trotzdem an die arabischen Leser gebracht wird.

Von Lena Bopp, Beirut, FAZ 20. Juli 2021

Manchmal sind die Bücher von Najem Wali gefährlich. Nicht in Deutschland natürlich, wo die Romane des 1980 aus dem Irak emigrierten Schriftstellers oft wohlwollend aufgenommen werden. Aber in arabischen Ländern durchaus. Der Roman „Saras Stunde“ (2018) über eine junge Frau, die gegen konservative Kräfte in ihrer saudischen Heimat kämpft, geriet in Saudi-Arabien auf den Index. Auch sein jüngstes Buch, „Soad und das Militär“, brachte, während es in Deutschland vor wenigen Wochen naturgemäß problemlos erschien, seinen irakischen Verleger in Schwierigkeiten. An „Soad und das Militär“ ist schon der Titel verdächtig. Gleich mehrere Verlage in Beirut und Bagdad wollten den Roman nicht veröffentlichen, und als er schließlich bei Darstoor in Bagdad erschien, wurde das Wort „Militär“ auf dem Cover mit einem schwarzen Balken überdeckt. Das Buch greift die Geschichte der ägyptischen Schauspielerin Soad Hosny auf, um deren Tod sich allerlei Mythen ranken. Denn bevor die im Ägypten der sechziger und siebziger Jahre verehrte Diva 2001 vom Balkon eines Appartements in London stürzte, soll sie angekündigt haben, ihre Memoiren zu schreiben. Da sie enge Verbindungen zum Militär und in die Politik hatte, kam rasch die Vermutung auf, sie könnte ermordet worden sein, allerdings wurden die genauen Umstände ihres Todes nie geklärt.

Den vollständigen Artikel in der FAZ lesen Sie HIER

Soad und das Militär

Najem Wali, der im Irak unter dem Diktator Saddam Hussein geborene Schriftsteller, hat in seinem neuen Roman „Soad und das Militär“ mit dem Militärregime in Ägypten abgerechnet. Ein Roman voller Abgründe.

WDR3 Buchrezension von Stefan Berkholz, 2. Juli 2021

Eine verhängnisvolle Begegnung
Der Ich-Erzähler kommt auf Einladung des Goethe-Instituts zu einer Lesung nach Kairo, ein paar Tage will er bleiben. Später läuft ihm in den Gassen der Altstadt ein alter Freund nach, unter konspirativen Umständen kommen sie zusammen, eine Kladde mit Aufzeichnungen wird übergeben. Drei Jahre sind seit den Protesten auf dem Tahrir-Platz vergangen und dreizehn seit ihrer letzten Begegnung. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. „Das Militär verstand, sobald es selbst betroffen war, keinen Spaß! (…) Hätten die Hefte nur den Titel Soad getragen, hätte es gar kein Problem gegeben, ganz egal, was ihr Inhalt besagte, ganz egal, was für Geheimnisse enthüllt wurden. All dies wäre kein Vergehen oder Verbrechen gewesen. Doch ihr Titel lautete Soad und das Militär, und das, das war ein Verbrechen!“

Von Anfang an mitreißend
Schon der Besitzer eines solchen Manuskripts kann sich in Lebensgefahr bringen, so ist das unter einem Militärregime, das in Ägypten seit 1952 mehr oder weniger an der Macht ist. Wie ein Thriller kommt dieser Roman daher, von Beginn an fesselnd, reißend, drängend, unheilschwanger.

Eine ägyptische Cindarella

Najem Wali über die ägyptische Filmdiva Soad Hosny, die politische Entwicklung in Ägypten seit den 50er Jahren und seinen neuen Roman „Soad und das Militär“.

Ein Interview in der TAZ von Andreas Fanizadeh, 19. Juni 2021

Egypt, Cairo, Cafe Riche

taz am wochenende: Herr Wali, Sie waren sicherlich öfters in Kairo, Kairo ist ja Ausgangspunkt Ihres aktuellen Romans?

Najem Wali: Zum ersten Mal war ich 1993 in Kairo. Sechs Monate lang. Damals schrieb ich an der Uni Hamburg meine Doktorarbeit. Ich habe in der ägyptischen Nationalbibliothek recherchiert. Damit begann meine Liebe zu Kairo. Ich war seitdem fast jedes Jahr da.

taz am wochenende: In Ihrem neuen Roman „Soad und das Militär“ verbinden Sie eine Geschichte aus der Mitte des letzten Jahrhunderts mit der Gegenwart, warum?

Najem Wali: Das Thema Militär beschäftigt uns in der Region und mich schon seit meinem ersten Roman, „Krieg im Vergnügungsviertel“. Egal wo, sie regieren permanent. Die Militärs in Ägypten oder Irak kamen im Namen von nationaler Unabhängigkeit und Befreiung an die Macht. Sie gaben sie seither nie mehr freiwillig ab. Sie haben Königreiche wie in Ägypten gestürzt. Doch mit dem Versprechen von Freiheit und Wohlstand für alle wurde es nichts. Es war ein Betrug. 1952 putschten die Militärs in Ägypten. Bis heute kontrollieren sie mit ihren Geheimdiensten das gesellschaftliche Leben und die wichtigen Zweige der Wirtschaft. Diesen Juli werden es 69 Jahre sein! Ihr ganzer Patriotismus dient nur dazu, von Misswirtschaft und fehlender Demokratie abzulenken.

1952, das war Gamal Abdel Nasser?

Ja, die Offiziersclique um ihn. Aber es geht mir weniger um das Militär als um Macht und Abhängigkeit. Meine Hauptfigur ist eine Künstlerin, eine ägyptische Filmdiva, die missbraucht und deren Existenz am Ende von den Mächtigen zerstört wird.

Hat diese Figur der Filmdiva Soad reale historische Bezüge oder ist sie eine rein literarische Erfindung?

Soad Hosny existierte. Sie war eine sehr bekannte Frau. Sängerin, aber noch berühmter als Schauspielerin. Die „Cinderella“ des ägyptischen Kinos. Geboren 1943 in Kairo, starb sie Juni 2001 in London. Sie fiel vom Balkon einer Wohnung aus dem sechsten Stock des Stuart Towers. Sie hatte angekündigt, ihre Memoiren schreiben zu wollen. Das musste für viele hochrangige ägyptische Militärs und Geheimdienstleute als Bedrohung klingen. Laut Scotland Yard war es Selbstmord oder ein Unfall. Aber viele glauben, es war Mord.

2001 der Tod in London, 2011 der Arabische Frühling und der Sturz des Mubarak-Regimes in Kairo, dort soll man auf dem Tahrir-Platz Lieder von ihr gesungen haben?

Deutschlandfunk Kultur LESART: „Soad und das Militär“

„Meine Fiktion basiert auf Fakten.“ Najem Wali im Gespräch mit Andrea Gerk über seinen neuen Roman „Soad und das Militär“.

LESART | Beitrag vom 11.06.2021 hier ANHÖREN

An den Fall der ägyptischen Schauspielerin Soad Hosny angelehnt, schreibt Najem Wali über das Militär in Ägypten und überall. Es geht um Herrschaft und Machtmissbrauch und das zerstörte Leben einer Künstlerin. Ein Mann begegnet in Kairo einem alten Freund, einem Amerikaner. Zu dem Zeitpunkt sind drei Jahre seit den Protesten auf dem Tahrir-Platz vergangen, viel mehr seit der letzten Begegnung der beiden. Der Freund erzählt, er habe mit seiner großen Liebe Soad, einer berühmten ägyptischen Schauspielerin und Sängerin, jahrelang in London zusammengelebt, um sie aus den Fängen des Militärs zu retten.

So beginnt der neue Roman des Schriftstellers und Journalisten Najem Wali, der in Basra geboren wurde und 1980 aus dem Irak nach Deutschland geflohen ist. Während seine bisherigen Werke vor allem in seiner Heimat spielen, siedelt Wali sein neues Werk in Ägypten an, wo das Militär seit 1952 die große Macht im Land ist. „Sie gehen vielleicht mal aus der Tür, aber kommen durch das Fenster zurück, wie es nach dem Arabischen Frühling passiert ist“, sagt Wali.

Spekulation um Todesumstände
In seinem Roman stürzt die große Liebe seines Freundes dann aus dem sechsten Stock ihres Hauses in England. Die Umstände ihres Todes lassen Spekulationen aufkommen: War der ägyptische Geheimdienst verwickelt? Weil es hieß, Soad arbeite an ihren Memoiren, in denen sie sich auch mit der Rolle des ägyptischen Militärs beschäftigte? Dem Militär, das ihr Leben gesteuert habe. Der amerikanische Freund übergibt dem Erzähler elf Hefte der Memoiren.

Wali hat den Roman an einen realen Fall in Ägypten angelehnt: „Ich suche die Fakten und ich baue auf diese Fiktion, bis man das nicht mehr unterscheidet“, sagt er zu seiner Arbeitsweise als Erzähler. „Meine Fiktion basiert auf Fakten, sie können das Faktion nennen.“ Leicht lässt sich Soad Hosny als Vorbild der Romanfigur identifizieren: „Sie war ein einfacher Mensch, ein liebevoller Mensch und hat tolle Rollen gespielt, man hat sie auch Cinderella genannt.“ Sie stürzte in London aus dem Fenster, anschließend wurde kräftig gemutmaßt: „Man sagt, Selbstmord, Unfall – man sagt, das Militär war dahinter, weil sie ihre Memoiren schreiben wollte. Aber bis jetzt haben wir keine Memoiren gesehen. Da habe ich mir gedacht, Najem, das ist deine Rolle, diese Memoiren zu erfinden.“

Der neue Roman von Najem Wali erscheint am 11. Juni 2021

Najem_Wali_Soad_TitelEin Mann begegnet in Kairo scheinbar zufällig einem alten Freund, dem Amerikaner Simon Syros. Drei Jahre sind seit den Protesten auf dem Tahrir-Platz vergangen und dreizehn seit ihrer letzten Begegnung. Damals verschwand Simon spurlos aus einer Bar. Jetzt erzählt ihm der wiedergefundene Freund die Geschichte seiner großen Liebe zu Soad, einer berühmten ägyptischen Schauspielerin und Sängerin, mit der er in London bis zu ihrem Tod zusammenlebte, seiner gefährlichen Freundschaft zum Geheimdienstoffizier Sherif und seines Versuchs, Soad aus den Fängen des Militärs zu retten.

SOAD UND DAS MILITÄR ist Najem Walis erster Roman im Secession Verlag.

 

Experiment HEIMAT

HEIMAT. Was ist Heimat? Eine Emotion oder ein Ort? Eine Realität oder ein Ideal? Ist sie dort, wo wir geboren sind? Oder da, wo wir jetzt leben? Ist sie Schicksal oder etwas, das man sich selbst schafft? Eine Utopie, ein Reizwort, ein Kampfbegriff? Diese und viele weitere Fragen stellt das interdisziplinäre Literatur und Fotografie-Projekt Experiment HEIMAT ins Zentrum einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Begriff der HEIMAT. Im Fokus des Vorhabens stehen neun bereits als HEIMAT etablierte Räume, mit denen Künstler*innen sich ergebnisoffen literarisch-fotografisch befassen werden.

Najem Wali begibt sich mit mit anderen Künstler*innen auf HEIMAT-Suche.

 

Experiment HEIMAT: Nottuln

Wadentraining und Erinnerungen

Der irakische Schriftsteller Najem Wali mit Swenja Janning, der Kulturreferentin des Kreises Coesfeld, vor dem Nottulner Rathaus.
Der irakische Schriftsteller Najem Wali mit Swenja Janning, der Kulturreferentin des Kreises Coesfeld, vor dem Nottulner Rathaus.

Der Schriftsteller und Journalist Najem Wali war zu Gast in Nottuln. Der Wahl-Berliner aus dem Irak gehört zu den bekannten kritischen Stimmen der arabischen Welt.

Von Ulla Wolanewitz, Westfälische Nachrichten, 18.05.2021

Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Und wer die schönste Sicht in die Baumberge genießen will, muss 129 Stufen bewältigen. Dieses spezielle Wadentraining ermöglichte „Turmherr“ Wilhelm Wesseln am Montag einem besonderen Gast aus Berlin. Der irakische Schriftsteller Najem Wali , der in diesen Tagen im Rahmen des Projektes „Experiment Heimat“ – initiiert vom Westfälischen Literaturbüro in Unna – in der Region unterwegs ist, startete seine Exkursion in und um Nottuln herum auf dem Longinusturm mit der wunderbaren Aussicht auf die sonnengelben Rapsfelder. Mit Blick auf die neuen Entfernungstafeln an der Reling in 24 Metern Höhe fiel dem Journalisten in südwestlicher Richtung gleich der Name „Bergkamen“ ins Auge. „Dort musste ich 1983 zu einer Anhörung“, erinnerte er sich.

Woche der Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist mehr als meine Meinung!

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Copyright © Olaf Deneberger & Natalie Färber | Delusions of Grandeur

Elf PUNKTE vereint die Charta der Meinungsfreiheit, die zum Schutz und zur Förderung der offenen Debattenkultur beiträgt. Ihre Unterzeichnung ist eine Selbstverpflichtung die festgeschriebenen Leitsätze anzuerkennen, nach ihnen zu handeln und sie in das eigene Umfeld und Netzwerk zu tragen.

Unterzeichnen Sie jetzt!

10 Jahre Arabellion und andere Aufstände

Die Arabellion, besser bekannt als „Arabischer Frühling“, bezeichnet eine Serie von Aufständen, Protesten und Revolutionen in der arabischen Welt, die im Jahr 2010 begann.

Über die Bedeutung der Arabellion lässt sich streiten, ebenso über ihre Bilanz: Nur in einem einzigen Land hat sich seit 2011 eine fragile Demokratie entwickelt. Deutlich mehr Länder der Region sind im Krieg versunken oder erlebten die Wiederherstellung repressiver und autoritärer Regime. Es folgten bis in die jüngste Zeit weitere Aufstände und Massenproteste in Ländern, die anfangs nicht betroffen waren. Die Umstände und Auslöser waren und sind sehr unterschiedlich, aber stets von dem Wunsch nach Wandel getrieben.

Wie entstehen gesellschaftliche Veränderungen? Zeigen Aufstände und Proteste in Politik, Staat und Gesellschaft Alternativen auf? Sind sie der Beginn einer Zeitenwende?

Darüber diskutieren am 18. März 2021 live in der Bundeskunsthalle
Iryna Herasimovich, belarussische Übersetzerin, Essayistin und Kuratorin
Joschka Fischer, ehemaliger Bundesaußenminister
Najem Wali, deutsch-irakischer Schriftsteller
Martin Kobler, ehemaliger deutscher Diplomat
Moderation: Sabine Christiansen

Ab 19 Uhr live auf www.bundeskunsthalle.de/live
und später auf Abruf unter www.bundeskunsthalle.de/mediathek

Wie man zum Geächteten wird

Es ist viel die Rede von Fortschritten im Nahost-Friedensprozess, doch gerade unter arabischen Intellektuellen wird weiter gegen Israel gehetzt. Und gegen alle, die für eine Normalisierung eintreten.

Essay von Najem Wali, F.A.Z am 23. Januar 2021

Ende dieses Monats ist es zehn Jahre her, dass arabische Jugendliche auf die Straßen gingen. Seitdem hat sich vieles in der Region verändert, Regime sind gestürzt, Wahlen haben stattgefunden. Nur eines hat sich keinen Millimeter bewegt: die sture Antinormalisierungshaltung gegenüber Israel, die bei der Mehrheit der arabischen Intellektuellen Tradition und insbesondere bei der älteren, aber in der Kulturszene dominanten Generation ihren festen Platz hat.

Fangen wir mit einem berühmten Fall an: Ende 2010, nur wenige Wochen vor dem Kairoer Frühling, gab das Israelisch-palästinensische Zentrum für Forschung und Information (IPCRI) bekannt, dass es seinen hebräischen Lesern das seltene Privileg bieten wolle, einen damals vieldiskutierten ägyptischen Roman zu lesen. Als dessen Autor sich weigerte, das Buch ins Hebräische übersetzen und in Israel veröffentlichen zu lassen, übernahm ein Freiwilliger die Übersetzung, und das IPCRI wollte sie kostenlos anbieten, um das kulturelle Bewusstsein und das wechselseitige Verständnis in der Region zu erweitern. Der Autor war aufgrund seiner Haltung zu Israel darüber zutiefst frustriert. Er beschuldigte das IPCRI und den Übersetzer der Piraterie und des Diebstahls und reichte eine Beschwerde bei der International Publishers Association ein. Sein gutes Recht. Aber was bedeutet seine gegen jede Normalisierung des arabisch-israelischen Verhältnisses gerichtete Handlung?

Lesung in Bamberg

Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali lesen aus ihrem Buch ABRAHAM TRIFFT IBRAHIM – Streifzüge durch Bibel und Koran

Foto: Michael Aust
Foto: Michael Aust

Wenn gleich zwei ehemalige Stipendiat*innen des Künstlerhauses nach Bamberg zurückkehren, um aus einem gemeinsamen Buch zu lesen, ist die Freude groß! Abraham trifft Ibrahim ist eine Essaysammlung um 9 Figuren aus Bibel und Koran, erschienen 2018 bei Suhrkamp. Darin werden Gegensätze und Interpretationsvarianten der biblischen Stoffe sichtbar und als würden die Autor*innen auf musikalischem Grundmotiv improvisieren, schaffen sie ihre Schilderungen dabei neu.

Najem Wali hatte Sibylle Lewitschroff vorgeschlagen, dieses gemeinsame Buchprojekt anzugehen, Koran und Bibel quasi gegenzulesen und Gewichtungsunterschiede sichtbar zu machen.

Foto: Wolfgagn Stahr/DER SPIEGEL
Foto: Wolfgang Stahr/DER SPIEGEL

Die beiden werden am 1. Oktober 2020 in der Villa Concordia in Bamberg endlich wieder bei einer LIVE – Lesung zu erleben sein.

Ort: Internationales Künstlerhaus Villa Concordia
Concordiastraße 28, 96049 Bamberg um 19.00 Uhr
Eintritt frei, Einlass aber nur mit Reservierung.

Hella Mewis ist wieder frei!

Nach fünf Tagen im Schockzustand über Hella Mewis‘ Entführung, fünf Tagen des angespannten Wartens und der Sorge, nun einmal eine freudige Nachricht aus Bagdad: Hella Mewis ist wieder frei! Welche Bedeutung hat ihre Arbeit für die jungen Künstler vor Ort?

Ein Gastbeitrag von Najem Wali,  SPIEGEL online, 25. Juli 2020

Irakische Kulturszene
Auf den ersten Blick herrscht heute Demokratie
Ich kenne Hella Mewis, diese wunderbare Frau, seit 2011, als sie von Kairo nach Bagdad kam, sich in die Stadt verliebte und beschloss, allen Gefahren zum Trotz, zu bleiben. Im Jahr 2015 eröffnete sie dort das „Bait Tarkib“ („Haus der Gestaltung“), ein Zentrum für junge Künstler.

Im Frühling 2014 veranstaltete sie mit mir in der Ruine des ehemaligen Gerichtsgebäudes in der Mutanabbi-Straße die erste Lesung aus meinem Roman „Bagdad Marlboro“, in Deutsch und Arabisch. Ich weiß noch, wie sie auf dem Weg dorthin wegen des dichten Verkehrs aus dem Taxi steigen und zu Fuß weitergehen wollte. Aus Sorge um sie zögerte ich zunächst, denn wir mussten durch ein ärmeres Viertel mit engen Gassen. Doch zu meiner Überraschung kannten die Menschen sie dort. Alte Leute, die vor ihren Häusern in der Sonne saßen, standen auf und begrüßten sie: „Willkommen, Madame!“ In fast allen Bagdader Geschäften und Klubs war Hella bekannt und respektiert. „Sie brauchen keinen Ausweis, Hella ist Ihre ID“, hieß es in meine Richtung von sämtlichen Wachleuten.

Hella Mewis hätte sich nicht schützen können

Deutschlandfunk Kultur, 22. Juli 2020

Ihr Kulturzentrum Beit Tarkib in Bagdad war Anlaufpunkt für junge Künstler und Rebellen. Aus Anteilnahme ist Hella Mewis ihnen auf Demonstrationen gefolgt, sagt der irakische Schriftsteller Najem Wali, ein Freund der entführten deutschen Kuratorin.

Najem Wali im Gespräch mit Marietta Schwarz

Auf eigene Initiative hin hat Hella Mewis in der irakischen Hauptstadt 2015 das Kulturzentrum Beit Tarkib gegründet, erinnert sich der in Berlin lebende Schriftsteller Najem Wali. 1956 im irakischen Basra geboren, flüchtete er 1980 nach Ausbruch des Iran-Irak-Krieges nach Deutschland. „Hella war in Bagdad verliebt.“ Die beiden kannten sich persönlich. In dem Kulturzentrum habe sie einen Traum verwirklicht.

Saddam Husseins Irak hat mit Corona-Deutschland nichts zu tun. Warum suchen mich dann die Erinnerungen heim?

Wir werden aus diesem globalen Gesundheitsproblem irgendwann mit großen Verlusten herauskommen. Aber die Gesundheit der Welt als Welt bleibt trotzdem in Gefahr. Corona ist ein Test, der täglich die Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Welt offenbart.

Ein Kommentar von Najem Wali in der Süddeutschen Zeitung von 22. April 2020

Ich kenne die Aufrufe. Hüte dich vor dem anderen, dem Fremden. Gehe nicht auf ihn zu, bleibe zu Hause, Tage und Wochen. Und wenn du hinausgehst, sei vorsichtig. Jeder auf der Straße kann gefährlich sein. Meide Freunde und Bekannte, damit sie nicht mit dir in Verbindung gebracht werden können. Du willst nicht, dass sie enden wie du.

Je geringer eure Anzahl ist, desto weniger Gefahr droht euch. Jede Versammlung von mehr als zwei Personen ist gefährlich. Manchmal weckt schon mehr als eine Person Misstrauen. Wenn ihr euch in einem Privathaus oder in einem geschlossenen Klub trefft, müsst ihr damit rechen, dass die Polizei das Haus stürmt, Türen demoliert, euch anschreit, auseinandertreibt oder festnimmt.

Proteste im Irak: Schiiten gegen Schiiten

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Najem Wali in einem Gastbeitrag darüber, was die Widerstände im Irak von anderen arabischen Aufständen unterscheidet. Welche Mächte sich einmischen. Und warum die Bewegung zum Scheitern verurteilt ist. (SZ, 7. November 2019)

Aufstand der Jugend - die Unruhen in Bagdad begannen mit Tuktuk-Fahrern und Straßenverkäufern. (Foto: Khalid Mohammed/dpa)
Aufstand der Jugend – die Unruhen in Bagdad begannen mit Tuktuk-Fahrern und Straßenverkäufern. (Foto: Khalid Mohammed/dpa)

Als Erste erhoben sich die Jugendlichen aus den Slums von Bagdad, aus Thawra, Schula, Hurrija. Sie waren Straßenverkäufer und Fahrer von Tuk-Tuks, Motorradtaxis. Die Regierung hatte ihre selbstgebauten Elendshütten niederreißen lassen und den Straßenverkauf verboten, dann schränkte sie die Tuk-Tuk-Routen durch die Stadt ein. Wo und wovon sollten sie leben? Das war Anfang Oktober.

Die Aufständischen besetzten den Tahrir-Platz und andere Flächen der irakischen Hauptstadt, und etwas Seltsames geschah. Bislang galten Straßenverkäufer und Tuk-Tuk-Fahrer als „Schmarotzer“, die vom Chaos profitierten und rote Ampeln überfuhren. Aber nun sang die Presse Loblieder auf die jungen Menschen. Frauen und Männer, Intellektuelle und einfache Bürger priesen ihren Mut, ihre Großzügigkeit und Opferbereitschaft, weil sie heldenmütig die Verletzten ins Krankenhaus brachten.

Kulturgeschichten

„Krieg ist nicht nur Streit an den Fronten. Der Krieg hinterlässt Spuren in der Gesellschaft und in der Natur“, mahnte Najem Wali bei seiner Lesung zur Veranstaltungsreihe „kulturgeschichten“ der Konrad-Adenauer-Stiftung im Kreuzberger Stadtlabor „B-Part“.  

Copyright: KAS Juliane Liebers
Najem Wali bei seiner Lesung (©KAS Juliane Liebers)

„Für Iraker bin ich ein Deutscher“, schmunzelte der Schriftsteller. Seit nun beinahe vier Jahrzehnten lebt er in Deutschland, obwohl er als junger Mann nie für möglich gehalten hatte, dass ihm die Flucht vor dem Krieg einmal das Leben retten und er hier eine neue Heimat finden würde. Lange hegte er den Wunsch von einem Studium im Ausland, doch würde er immer wieder in die Heimat zurückkehren, so Wali. Denn eigentlich träumte der im irakischen Basra geborenen Schriftsteller, einziger Sohn der Familie, seit Kindertagen von einer schönen Stadt namens Bagdad. Seine Familie, Tanten und Onkel – alle waren sie fasziniert von diesem so geheimnisvollen Ort. Und sein Vater schien einer der wenigen Abenteurer zu sein, „ der Einzige mit einem Schlüssel zu den Toren dieser Welt“, erklärte sich Najem Wali. Oft sei sein Vater weit gereist und mit unglaublichen Geschichten über Bagdad wieder nach Hause zurückgekehrt

Engagiert euch!

Najem Wali kurz vor seinem Abschlussvortrag  | Foto: Mudam Luxembourg
Najem Wali kurz vor seinem Abschlussvortrag | Foto: Mudam Luxembourg

GESPRÄCHE ÜBER KULTUR, GESELLSCHAFT, POLITIK UND UMWELT

Am frühen Abend des 31. Januar 2019 versammelte sich ein internationales Publikum im MUDAM, dem luxemburgischen Museum für Moderne Kunst. In rund 30 offenen Diskussionsveranstaltungen konnten sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Nacht der Ideen in Rundtischgesprächen aus den Bereichen Kultur, Gesellschaft, Politik und Umwelt einbringen. Bekannte Persönlichkeiten, wie die französische Kriegsreporterin Florence Aubenas, der irakisch-deutsche Publizist Najem Wali und Camille de Toledo, Schriftsteller und Gründer der kuratorischen Plattform Mittel-Europa, aber auch Expertinnen und Experten aus der Großregion Luxemburg stellten sich vielschichtigen Fragen.

Round Table mit Najem Wali moderiert von Diane Krüger
Round Table mit Najem Wali moderiert von Diane Krüger

„Wir versuchen zu verstehen, wie sich die Politik auf die Literatur auswirkt und die Literatur wiederum ein Lehrstück für die Politik bildet“, beschrieb Alexis Nuselovici (Nouss) die Wechselwirkung zwischen Literatur und Politik. Ein Ansatz, den der irakisch-deutsche Publizist Najem Wali im Sinne einiger Exilschriftsteller der letzten Jahrhunderte in seinem Abschlussvortrag fortführte: „Da, wo Herrschaft ist, ist auch Verbannung.“ Weiterhin zitierte Wali den kolumbianischen Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez: „Belletristik ist revolutionäres Schreiben.“ Man dürfe Literaten nicht trauen, die ihr Land rühmen. Sein Fazit: „Literatur kann nicht anders, als sich gegenüber der Gegenwart in Sarkasmus zu üben.“

Zu dieser dritte Auflage der NACHT DER IDEN luden das Institut Pierre Werner, das Mudam, das Institut français und das Goethe-Institut mit Unterstützung des deutsch-französischen Kulturfonds zu 30 offenen Diskussionsrunden ein.

Die Nacht der Ideen

Najem Wali ist zu der NACHT DER IDEEN eingeladen, eine Veranstaltung, die bereits in über 100 Städten rund um den Globus organisiert wurde und in diesem Jahr am 31. Januar 2019 im Mudam, dem Museum für zeitgenössische Kunst in Luxemburg, stattfindet. Das Thema dieses Jahres lautet: „Face au présent – Der Gegenwart gegenüber”. Als gemeinschaftliches Projekt des Institut français du Luxembourg, des Institut Pierre Werner und des Institut français Saarbrücken bietet dieser Abend eine Gelegenheit, gemeinsam über den Begriff des Engagements nachzudenken und sich auszutauschen.

Wie kann man, als Einzelner oder in der Gemeinschaft, dem begegnen, was unsere Zeit von uns verlangt? Was bedeutet es, angesichts der Krisen und großer Dringlichkeiten „engagiert” zu sein? Welche Formen von Engagement gibt es in Luxemburg, in der Großregion und auf internationalem Niveau? Wer ist es, der sich engagiert, und warum entscheiden sie sich für ihr Engagement?

„Eine Stunde Schönheit“

Literatur von Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten

Diese viertägige Veranstaltungsreihe zur Frankfurter Buchmesse in der Katharinenkirche an der Hauptwache haben sich Jurymitglieder des „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ ausgedacht. Schön, im Sinne von hübsch, nett, erfreulich sind diese Texte aber nicht. Sondern eher nachdenklich bis melancholisch, wütend bis brennend, – sie gehen unter die Haut. „Wir wollen daran erinnern, wie notwendig Literatur gerade in Krisengebieten ist: kraft ihrer Menschlichkeit und der darin vermittelten Werte“, sagt Martin Schult, geschäftsführender Sekretär des Friedenspreises. „Genau darin sehen wir die Schönheit.“ Stadtpfarrer Olav Lewerenz war von Anfang an für diese Stunde zu begeistern und hat die Katharinenkirche gerne zur Verfügung gestellt.

Najem Wali liest aus "Wölfe in der Nacht. 16 Geschichten aus Kuba" von Ángel Santiesteban. Der gefeierte Autor seines Landes erhielt Publikationsverbot aufgrund regimekritischer Äußerungen.
Najem Wali liest aus „Wölfe in der Nacht. 16 Geschichten aus Kuba“ von Ángel Santiesteban. Der gefeierte Autor seines Landes erhielt Publikationsverbot aufgrund regimekritischer Äußerungen.

Jennifer Clement, Autorin und Präsidentin von P.E.N International liest aus "Das Testament", ein nachdenklicher, zärtlicher, humorvoller Text des ukrainischen Schriftstellers und Regisseurs Oleg Senzow, der eine 20-jährige Haftstrafe in Sibirien absitzt, weil er gegen die Annexion der Krim protestiert hat.
Jennifer Clement, Autorin und Präsidentin von P.E.N International liest aus „Das Testament“, ein Text des ukrainischen Schriftstellers und Regisseurs Oleg Senzow, der eine 20-jährige Haftstrafe in Sibirien absitzt, weil er gegen die Annexion der Krim protestiert hat.

Die Idee ist ja auch nicht schlecht. Und im Rahmen von „Open Books“, dem Literaturfest zur Buchmesse, auch etwas Besonderes. Denn von den 180 Autoren, die jetzt über 5 Tage – übrigens kostenlos – an mehreren Orten in der Innenstadt lesen, sind die meisten deutsch mit ein paar dem diesjährigen Schwerpunktland Georgien geschuldeten georgischen Ausnahmen. Aber Texte von Autorinnen und Autoren etwa aus China, aus Kuba, Tibet, Israel, dem Senegal oder Pakistan sind eben nur abends in der Katharinenkirche zu hören. Einer schöner Akt der Solidarität, der dieser Literatur Gehör verschafft und den Zuhörenden Vorstellungswelten aus ganz anderen Teilen der Welt näher bringt, zum Teil ungewöhnliche literarische Bilder aufleben lässt und das Verständnis dafür vertieft, dass Literatur nicht überall in Frieden und Freiheit gehört werden kann.
Text und Fotos von Stephanie von Selchow

Vom Widerstand einer Frau gegen die Schikanen ihrer Heimat

100Verbote und Zwangsheirat: Eine junge Frau rebelliert gegen das saudi-arabische Patriachat

Buchbesprechung zu SARAS STUNDE von Ulrike Baureithel
Der Tagesspiegel, 27. Juli 2018

Walis Heldin ist eine jener unerschrockenen Frauen in der arabischen Welt, von denen der Autor sagt, sie „kämpfen mit einem Körper aus Glas gegen den Stein“. Insbesondere in der Ostprovinz, wo die saudischen Mädchen durch die Folgen des Golfkriegs mit den freier erzogenen Flüchtlingsfrauen aus Kuwait in Kontakt kommen, erhebt sich Widerspruch. Sara fühlt sich zum Entsetzen ihres Vaters zu einem Handwerker hingezogen, eine Unmöglichkeit in der sozial extrem segregierten und hierarchischen saudischen Gesellschaft. Wali entwirft ein differenziertes Bild der saudisch-arabischen Gesellschaft. Eingebettet in die turbulenten Ereignisse seit 1980, die den Krieg ins eigene Land tragen, hat Saras Schicksal etwas Exemplarisches.
Die ausführliche Rezension lesen Sie HIER

„In arabischen Ländern bin ich so starken Frauen begegnet“

Najem Wali im Interview mit Renée Reif über seinen neuen Roman SARAS STUNDE, Saudi-Arabien, Stellvertreterkriege und das Märchen als Erzählform. Der Standard, 16. Juni 2018

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foto: cp-pictures

STANDARD: Sara ist von Geburt an etwas Besonderes. Doch will sie nur ein selbstbestimmtes Leben führen. Ist das in Saudi-Arabien bereits etwas Besonderes?

Wali: Es ist nicht meine Absicht, saudische Frauen zum Mord aufzurufen. Mein Wunsch ist, dass alle Frauen so stark sind wie Sara, ihren Willen durchzusetzen. Ich kenne solche starken Frauen. In Saudi-Arabien und in anderen arabischen Ländern bin ich ihnen begegnet. Auch wuchs ich selbst in einer Familie starker Frauen auf. Ich hatte 13 Tanten, und ich weiß, wie stark sie alle waren.

STANDARD: Was treibt Saras Onkel als Tugendwächter an? Sexuelle Frustration kann es bei seinen vielen Frauen doch nicht sein.

Wali: Es ist der Wunsch, mächtig zu sein. Männer wie Saras Onkel wuchsen in dieser rigid konservativen Gesellschaft auf. Sie haben den Wahhabismus verinnerlicht, und sie gewinnen Macht durch ihn. Darum wird Saras Onkel immer fanatischer. Der Wahhabismus ist nicht nur eine Auslegung des Koran, der eine bestimmte Lebensweise vorschreibt. Er bildet auch die Ideologie des saudischen Staates. Muhammad ibn Saud schloss Mitte des 18. Jahrhunderts ein Bündnis mit al-Wahhab. Er unterstützte die Verbreitung von dessen Lehre und erhielt im Gegenzug die religiöse Rechtfertigung für seine Expansionsbestrebungen. So konnte der einst kleine Stadtstaat die ganze Arabische Halbinsel unter seine Herrschaft bringen.

STANDARD: Hat dieses Bündnis heute noch diese Bedeutung?
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